Hype - Trend - Tendenz

Das Haus der Zukunft ist aus Kieselsteinchen gemauert. Sie sind winzig und man übersieht sie leicht. Erst wenn drei, zehn, zwanzig oder hundert eine Reihe bilden, zeichnet sich eine Linie ab. Mit viel Glück wird sie von jemandem erkannt. Der ruft einen Trend aus und die Wissenschaft stürzt sich darauf und entwickelt Visionen. Plötzlich ist alles nur noch „Tele“ die ganze Welt ist „Chaos“ und „Netzwerk“ oder „cutomer driven“.
Nur eben immer hübsch eins nach dem anderen: eine zeitlang ist sie nur telematisch und es werden Visionen verkündet, in denen zwei Menschen niemals mehr direkt und per Schallwelle miteinander kommunizieren werden. Ein paar Jahre später ist alles so dermaßen kundengetrieben, dass kein Unternehmer mit Ideen, keine Werbung und kein Produkt von der Stange mehr eine Existenzberechtigung haben. Wenn alle das Thema satt haben ist plötzlich alles wieder Netzwerk, der neue „Hype“, und unsere Trends von gestern sind nur Schall und Rauch.
Zum Glück leben wir in einer heterogenen Gesellschaft, zu der außer Visionären auch Pragmatiker gehören. Die räumen anschließend die Zukunftsbaustelle wieder auf. Es ist auch nicht schwer, sehr eindrücklich zu belegen, dass es immer noch Menschen gibt, die sich von Angesicht zu Angesicht unterhalten oder Firmen, die in ganz normalen Abteilungen wie eh und jeh ihre Arbeit verrichten. War also alles nur ein Hype. Da lagen eben ein paar Kieselsteine nebeneinander und die Hohepriester der Moderne haben deswegen gleich das große Kaffeesatzlesen veranstaltet.
Als intelligente Menschen können wir diese Argumentation nachvollziehen. Eigentlich haben wir es immer schon gewußt: alles bleibt wie es war und wir können gemütlich weiter wursteln. Umdenken nicht erforderlich, Gott sei`s gedankt.
Trotzdem: die Zukunft wächst vor unseren Augen. Und nur weil jede Linie in einer anderen Richtung verläuft, ist sie trotzdem noch vorhanden – auch wenn jemand eine neue entdeckt. Rein nach den Regeln der Statik, denen Gebäude nun einmal folgen müssen, ist es sogar zwingend erforderlich, dass es nicht nur eine Richtung gibt: ohne Stützen beziehungsweise Mauern in andere Richtungen wird das Ganze eine reichlich wackelige Angelegenheit.
Mit „Tele“ war das so. Als wir 1998 eine Architektursimulation erstellten und dabei ausschließlich über Videoconferencing zusammen arbeiteten, wurden wir von Silicon Graphics (SGI) gesponsort. Anders wäre es gar nicht möglich gewesen: Diese Workstations waren damals die einzigen Rechner, die serienmäßig mit Videokameras, Mikros und der entsprechenden Software ausgerüstet waren. Die Pragmatiker, die damals anmerkten, dass man so nicht zusammen arbeiten kann, behielten insofern Recht, als wir heute auch räumlich gerne wieder zusammen sitzen. Trotzdem ist aus ein paar Kieselsteinchen bereits ein solides Mäuerchen geworden: Kamera und Skype gehören heute zu einer soliden Wohnzimmereinrichtung wie die Ledergarnitur, und die Audio-, Chat- oder Videokommunikation ist in vielen Kreisen weitgehend massenkompatibel geworden.

Diesen Mauern beim Wachsen zuzusehen kostet mehr Geduld, als das Gras wachsen zu hören. Sehen wir uns also einige der Mäuerchen aus den letzten Jahren an und behalten im Hinterkopf, dass es sich dabei um sehr, sehr langsame Prozesse handelt. Zwei branchenübergreifend immer wieder gern diskutierte Wände sind Web 2.0 (was immer man darunter genau versteht) und Customer Relationship Management. Wer hatte noch diesen netten Spruch über Jesus gebracht? Da kam einer nach jahrelanger Gewalt und sagte, dass es vielleicht ganz nett wäre, wenn die Leute einfach mal wieder nett zueinander wären. Und wurde ans Kreuz genagelt.
Die Mauern CRM und Web 2.0 laufen in die selbe Richtung. Nach jahrelanger Werbe-Belullung und Bevormundung kam jemand auf den Gedanken, den Kunden zu fragen, was er eigentlich gerne hätte und wie er das vorhandene Angebot so findet. Glücklicherweise ist nicht bekannt, was sie mit dem gemacht haben. Vermutlich ist er kurz nach Abklingen des Hypes von Pragmatikern gesteinigt worden.
Sicher: es gibt noch (sehr erfolgreiche) Firmen, die sich ihre Produkte selbst ausdenken. Es gibt auch noch Zeitungen und Kritiker, kommerzielle Websites und die Stiftung Warentest. Offensichtlich haben diese aber die Bedürfnisse der Selbstbestimmung und des Vertrauens nur unzureichend gedeckt – was ihnen nicht die Daseinsberechtigung abspricht, im Gegenteil. Aber es gab Lücken, die mit anderen Kieseln gestopft wurden. Etwa mit Blogs, Foren und Rankings. Oder mit Kundenbefragungen und einem Kundendienst, der die eine oder andere Kritik des Kunden auch mal an die Geschäftsleitung weiter leitet.

(to be continued…)

2 Responses to “Hype - Trend - Tendenz”

  1. [...] Über einen Satz bei O’Reilly (“What Is Web 2.0?”) bin ich wieder auf ein altes Thema gestoßen, das ich hier schon mal behandelt hatte: den Web-2.0-Hype. Im Kern geht es mir darum, mich nicht bei jeder Erwähnung des Begriffes gegenüber einigen Menschen verteidigen zu müssen, die mit Schaum vor dem Mund und rollenden Augen behaupten, das Thema sei ein Hype und völlig überbewertet - und jegliche Argumentation, die sich darauf stützt, sei damit automatisch hinfällig. [...]

  2. [...] Literatur: Links in meinem Blog: Hypes and Bubbles Hype - Trend - Tendenz [...]

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