Blogging für die Wissenschaft?

Der Unterschied zwischen einem Blog und einer wissenschaftlichen Veröffentlichung besteht unter anderem darin, dass ein Blog eher ein Tagebuch dessen darstellt, was in der Usability-Forschung (wenn auch mit anderen Zielen) als „Thinking Loud“, als Methode des lauten Denkens bezeichnet wird. Das impliziert, dass es hier erlaubt ist, unreife Hypothesen auszuspinnen, die in wissenschaftlichen Veröffentlichungen schon etwas fundierter dargelegt werden sollten.

Schnell und vorläufig
Auch wissenschaftliche Papers haben – siehe Poppers kritischer Realismus – keinen Anspruch auf Endgültigkeit (über ihnen hängt lebenslänglich das Damoklesschwert der Falsifikation). Insbesondere in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die auf empirischer Forschung aufbauen müssen, kann also von Endgültigkeit keine Rede sein.
Trotzdem haben Blogs eine andere Qualität: sie können dazu dienen, die wirren Gedankengänge widerzugeben, die erst zu einer Hypothese führen sollen. Mit der Lektüre eines Blogs bekommt man also eine Historie der Gedanken - ähnlich den Darstellungen in Case Studies, wo die Situation der Unwissenheit zum Ausgangspunkt gemacht wird und dann beschrieben wird, wie sich langsam Ergebnisse herauskristallisieren. Und sie können ein frühes Feedback - und damit ein kollaboratives Forschen - ermöglichen.

Action Research
In den schnelllebigen Bereichen der Wirtschaftswissenschaften – insbesondere dort, wo der Einfluss einer sich rasant entwickelnden Technologie eine Rolle spielt – können Blogs daher wissenschaftliche Überlegungen bereits verbreiten, bevor langwierige empirische Untersuchungen abgeschlossen sind. In diesem Sinne sind auch die wissenschaftlichen Methoden bereits dabei sich zu verändern. So sprechen etwa Probst und Romhardt in Bausteine des Wissensmanagements - ein praxisorientierter Ansatz von „Action Research“, einem Ansatz, bei dem die klassische Reihenfolge von Hypothesenbildung und ihrer Untermauerung durch Versuche umgedreht wird:

Für die Wirtschaftsinformatik hat sich deshalb ein auf Prototypen und Fallstudien baisertes Vorgehen etabliert, das schließlich auch im anglo-amerikanischen Raum als recht verbreitete Form des „Action Research“ umgesetzt werden kann. Dazu wird zunächst eine gemeinsam von Praxis und Wissenschaft definierte Problemstellung strukturiert, um danach vor dem theoretischen und praktischen Erfahrungshintergrund Vorschläge zu entwickeln, wie die betriebliche Wirklichkeit zu gestalten ist. Durch die Umsetzung dieser Gestaltungsempfehlungen in der Praxis können diese Vorschläge überprüft und die dahinter liegende Theorie verfeinert und angepasst werden [vgl. Österle et al. 1999, 35ff]. Dieses Vorgehen impliziert immer auch die Forderung nach der Bildung oder Fundierung von Theorien.

(Quelle: Probst, G.J.B. & Romhardt, K., 1997)

Design Research
Auch Marktforschung und Usabilityuntersuchungen werden unter dem Gesichtspunkt der Geschwindigkeit effektiver, wenn unter dem Begriff „Design Research“ (Einführung ins Thema Design Research, engl.) Zielgruppenpräferenzen neuerdings eher an Personas (siehe z.B. Brenda Laurel Interview Design Research, engl.) festgemacht werden als an langwierigen und aufwendigen Millieustudien. Auch wenn ein wissenschaftliches „Time-to-Market“ hier nicht das Ziel war, sondern eher die Feststellung, dass die klassische Einteilung soziodemografische Zielgruppen vielleicht nicht mehr ganz zutreffend ist (wie wir das in Bode, J.; König, A.: “Vernetzte Medienproduktionen im Wandel”, in: Lippert, Werner (Hrsg.): Annual Multimedia 2007, S. 44-54; Walhalla Fachverlag, Regensburg) kurz angerissen haben, könnte dieser Ansatz zu einer weniger aufwändigen Forschung, schneller gefassten Hypothesen und damit einer schnelleren Diskussion von Zwischenergebnissen führen.

Man beachte allerdings, dass die Vertreter beider Ansätze (Action Research und Design Research) hervorheben, dass die dadurch gewonnen Hypothesen anschließend durch wissenschaftliche Untersuchungen und Ausarbeitungen untermauert und belegt werden müssen.

Beratungs- und Trendforschungsunternehmen
Ein weiteres Beispiel ist die Durchführung von sowohl qualitativen als auch vor allem quantitativen Umfragen durch Beratungs- und Trendforschungsunternehmen: Über meinen iBusiness-Account erfahre ich in unserem Bereich der Multimedia-Agenturen deutlich schneller über relevantes Zahlenmaterial als durch wissenschaftliche Veröffentlichungen. Auch hier kann man sich über die statistische Signifikanz der Stichprobe für die untersuchte Population streiten (vgl. Bortz, J.; Döring, N.: Forschungsmethoden und Evaluation: für Human- und Sozialwissenschaftler, 3. überarb. Aufl., Springer-Verlag Berlin Heidelberg New York 2002). Zur Gewinnung erster Hypothesen können sie jedoch – im Vergleich zu den klassischen, selbst angestellten Erhebungen – zu enormen Steigerungen der Geschwindigkeit führen.

Öffentliches Peer-Reviewing
In diesem Sinne haben auch die renommierten wissenschaftlichen Publikationsorgane begonnen, sich mit den neuen Methoden auseinander zu setzen und erste Versuch unternommen, den Peer-Reviewing-Prozess öffentlich zu machen und ins Netz zu übertragen:

“We’re not convinced that peer review has to be changed,” said Linda Miller, Nature’s executive editor. “But just because peer review has always been done a certain way doesn’t mean that it’s the best way to select manuscripts.”

(Quelle: Fallik, Dawn: Casting wide net for peers’ review - Some academic journals are replacing the secret-evaluation part of the process with online critiques for research authors, Blog des Philadelphia Inquiror vom 20.10.2006)

Blogs als Vorstufe
Hier soll keiner unwissenschaftlichen Forschung das Wort geredet werden. Aber die Zunahme der Geschwindigkeit bei der Hypothesenbildung und die schnellere Veröffentlichung und damit Diskussion von Annahmen durch Blogs können doch zu einer neuen Qualität wissenschaftlicher Forschung beitragen. In diesem Sinne bitte ich auch die hier veröffentlichten „Knowlets“ – kleiner Abrisse von täglichen Gedanken, die teilweise nicht weiterverfolgt werden können – zu betrachten.

Im systemtheoretischen Wissenschaftsbegriff von Luhmann müsste man Einträge in Blogs also wohl eher der Umwelt des wissenschaftlichen Systems zuordnen. Sie sind Teil der gesellschaftlichen, nicht der wissenschaftlichen Kommunikation und bestenfalls eine Vorstufe zur wissenschaftlichen Erkenntnis und können als solche (aber das eben schneller) Irritationen im wissenschaftlichen System hervorrufen. Im Luhmannschen Sinne anschlussfähig für wissenschaftliche Operationen können sie nicht sein (vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1992).

Blogs geben also teilweise unausgegorene Ideen und Entwürfe wider, auch dieser. Daher mein Disclaimer: Die Ziehung der Bloggozahlen auch in diesem Blog - wie immer ohne Gewähr.

2 Responses to “Blogging für die Wissenschaft?”

  1. Bernard says:

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  2. Bernard says:

    Zeit ist eine Illusion! Eigentlich wird nur eine Abstrakte Relation zwischen Aktionen gemessen, ähnlich zB. einer Temperaturmessung. Zeit hat die Wissenschaft zeitlebens irritiert und wird überbewertet in der Physik!
    Zeit ist wenn überhaupt erklärbar, - aktive Etropie.

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