Evolutionspsychologie

Lange verpönt, aber in den letzten 40 Jahren als seriöses Paradigma in der Psychologie etabliert: die Evolutionspsychologie würdigt endlich auch beim Denken, dass wir vom Affen abstammen - eine heilige Kuh fällt tot um.

War neulich an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Wir hatten noch ein bisschen Zeit bis zum Meeting mit unseren Projektpartnern und nahmen die Bibliothek unter die Lupe. Und da machte ich eine Entdeckung: es gibt sie tatsächlich, die Evolutionspsychologie.

Vor kurzem hatte ich noch in einem Seminar eine Folie gebastelt, auf der ein paar durch die Savanne schlendernde Homo habilis (oder besser Homines habilis?) abgebildet waren und daneben eine Serie von Gehirnen – vom Insekt und Lurch über das (in dieser Hinsicht sehr gut erforschte) Geflügelhirn, über Säugetiere hin zum Mensch. Ich wollte illustrieren, dass man im Projektmanagement manche gruppendynamischen Prozesse nur erklären kann, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der liebe Gott unser Gehirn für Jäger und Sammler gemacht hat. Selbstverständlich habe ich erwähnt, dass ich dafür – quellentechnisch – nur über Literatur aus den Achzigern verfüge, die seinerzeit auch nicht ganz unumstritten war: Hoimar von Ditfurths „Der Geist fiel nicht vom Himmel“. Bevor ich die Folien zum Download auf den Server gelegt habe, habe ich die Folie dann auch verschämt wieder entfernt.

Vielleicht erklärt das meinen Freuden-Kiekser bei der Entdeckung des Artikels in der Zeitschrift für Medienpsychologie. Frank Schwab weist darin anhand von Quellen nach, dass sich in den letzten vierzig Jahren ein Trend in der psychologischen Forschung nachweisen lässt: weg von der Psyche als hierarchielose, geschlechtsneutrale Tabula Rasa - also der Soll-Beschreibung des politisch korrekten Menschenbildes.

Der Kernsatz lautet: Der “Kampf ums Überleben [bedeutet] keineswegs eine Natur als blutiges Schlachtfeld. Gegen dieses Bild sprach sich schon Darwin aus.” (Schwab 2007, S. 141)

Jetzt ist es also amtlich: auch unser Gehirn stammt vom Affen ab. Willkommen, Wissenschaft, an diesem Punkt. Und: schön, dass man darüber jetzt tabulos darüber schreiben und eindrucksvolle, einleuchtende und sehr, sehr zielführende Bilder an die Wand werfen darf, ohne sich dafür zu schämen. Gerade gruppendynamische Prozesse (und um die geht es im projektmanagement häufig) lassen sich einfach ohne diesen Hintergrund nur schwer erklären. Und wenn man sie nicht versteht und einordnen kann, kann man auch nicht vernünftig damit umgehen.

Literatur: Schwab, Frank (2007): Evolutionäres Denken: Missverständnisse, Trugschlüsse und Richtigstellungen. In: Zeitschrift für Medienpsychologie, Jg. 19, H. 4, S. 140–144.

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