Archive for February, 2008

Dream Machine - kleine Theorie der künstlichen Intelligenz durch Web 2.0

Sunday, February 24th, 2008

Im TED-Talk “Jeff Hawkins: Brain science is about to fundamentally change computing” berichtet der Computerexperte und Gehirnforscher Jeff Hawkins von einer Hypothese, die er noch nicht beweisen kann: Dem menschlichen Gehirn liegt ein ganz einfacher Mechanismus zugrunde – sequenzielle Speicherung von Ereignissen. Die Intelligenz entsteht seiner Ansicht nach aus der schieren Masse und der Fähigkeit des Gehirns, aus der Menge der Verknüpfungen ständig Voraussagen über die Realität zu interpolieren, indem es patterns (Muster) identifiziert.

Das passt sehr gut zum Konzept der DreamMachine, das ich vor Jahren einmal erstellt habe und damals - 1997 muss das gewesen sein - zusammen mit Marc Pfaff zu einem Zukunftswettbewerb einreichen wollte. Leider wurde unser Beitrag nicht rechtzeitig fertig. Stattdessen habe ich seitdem ungefähr 1000 Menschen davon erzählt, von denen mich die Hälfte für verrückt erklärt hat.

Es ist ein Konzept für ein System, das den Schichten unseres Gehirns eine weitere, digitale Schicht angliedern würde und diese auf dieselbe Weise mit dem Großhirn vernetzt, mit dem sich das Großhirn im Traum mit dem Zwischenhirn vernetzt.

Ich hatte damals zwei Bücher gelesen, aus denen ich mir meine kleine Theorie der Intelligenz zusammengestrickt hatte. Leider bin ich nicht Experte genug, um meine Idee wissenschaftlich zu überprüfen oder gar einzuordnen. Sollte ich hier also Eulen nach Athen tragen oder sich einige Annahmen als unzutreffend herausgestellt haben, bitte ich um Widerspruch. Dafür haben wir das Web 2.0.

Das erste Buch war von Hoimar von Ditfurth und heißt “Der Geist fiel nicht vom Himmel” (damals dtv, vergriffen). Darin beschreibt er die Evolution des Nervensystems vom Einzeller bis zum Menschen als durchgehende Entwicklung. Besonders gut erforscht sind die Gehirne von Geflügel, die sich offenbar sehr gut für Versuche eignen. Vögel besitzen ein voll entwickeltes Zwischenhirn, das nach Aussage von Dithfurth (etwas verkürzt gesagt) einen Kanon von vererbten - und physisch verdrahteten - Programmen bereitstellt, mit denen die Tiere auf ihre Umwelt reagieren. Dabei zeigte sich offenbar bereits seinerzeit eine klar nachvollziehbare Linie vom Schlüsselreiz zur Handlung, mit der die Vögel auf die Umwelt reagieren. Ditfurth unterlegt seine Aussagen mit Unmengen von eindrucksvollen Beispielen, von denen man mir damals gesagt hat, sie seien nicht unbedingt repräsentativ.

Gehirnentwicklung vom Fisch zum Kriechtier

Ein Beispiel ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Ein Hahn steht auf dem Versuchstisch. Sein Gehirn wird an verschiedenen Stellen mit Elektroden stimuliert (was - nota bene - keinen Schmerz verursacht, da die graue Masse nicht schmerzempfindlich ist).

Bei diesen Versuchen hat man unter anderem eine Stelle gefunden, bei der der Hahn den Kopf hebt, kräht, sich dann duckt und eine (leere) Stelle auf dem Versuchstisch attakiert. Lässt man den Reiz weiter bestehen, dann ergreift er die Flucht. Exakt dieses Verhalten kennt man von Hähnen in natürlicher Umgebung: beim Angriff durch einen Bodenfeind, etwa ein Wiesel.

Auch der Schlüsselreiz, der dieses Verhalten triggert (auslöst), ist weitgehend bekannt: ein flaches, längliches Etwas, das sich zügig auf den Hahn zubewegt. Der Hahn reckt sich dann, warnt seine Artgenossen, greift an - und flieht schließlich, wenn der Reiz anhält, d.h. wenn der Hahn erkennt, dass sich das Raubtier nicht in die Flucht schlagen lässt.

Gehirnentwicklung vom Vogel zum Menschen

Da diese direkte Leitung vom Reiz zur Handlung keine besonders große Flexibilität bietet (und daher einige überlebenswichtige Fragen nicht beantworten kann), hat die Natur sich schon beim Geflügel etwas einfallen lassen, das Konrad Lorenz in den 50er Jahren unter dem Begriff Erbfolgeprägung untersuchte: Aus den fest verdrahteten Strukturen des Zwischenhirns ragen “Knospen” heraus - frei programmierbare Zellverbände, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Kindheit “geprägt”, also programmiert werden. Er untersuchte die Tatsache, dass Graugänse nach dem Schlüpfen ihrer Mutter folgen - ein Fakt, der sich mit der ererbten Verknüpfung von Reiz und Handlung nur schwer erklären lässt - und fand den Beginn des Großhirns. Zellen, die das erste, was die Küken nach dem Schlüpfen sehen, als Mutter interpretieren. Dieser Mutter folgen sie von da an bis zu einem bestimmten Alter. Das Großhirn kann demnach als dynamische Erweiterung statischer, unveränderlicher Programme gesehen werden. Lorenz hängte ihnen, wenn ich mich richtig erinnere, einen Ball an einer Schnur vor die Nase - und sie folgten fortan dem Ball.

Disclaimer: Die Ideen der Verhaltensbiologie von Konrad Lorenz und anderen sind - gerade wenn man Deutscher ist - vorbelastet und daher mit sehr viel Vorsicht zu genießen. Wir sollten aber in der Lage sein, die Ideen dahinter in Ruhe empirisch zu überprüfen und uns gleichzeitig klar und deutlich von den grausamen Taten zu distanzieren, die in ihrem Namen in den Bereichen Euthanasie und Rassenhygiene begangen wurden. Die von Lorenz mitbegründete Verhaltensbiologie scheint sich mittlerweile von diesen Wurzeln entfernt zu haben und sich zu einer anerkannten Wissenschaft entwickelt zu haben - immerhin wurde Lorenz 1973 der Nobelpreis verliehen.

Ditfurth behauptete seinerzeit, aus diesen prägbaren Zellknospen - den “Variablen”, die die “hartcodierten” Programme erweitern - habe sich das Großhirn entwickelt. Das Großhirn ist demnach eine Erweiterung des Zwischenhirns. Die frei programmierbaren Zellen des Großhirns erweitern die Zwischenhirn-Programme und machen sie flexibel. Umgekehrt verleihen die klaren Bewertungs- und Verhaltensstrukturen des Zwischenhirns, das auch beim Menschen noch unter dem Großhirn liegt, den täglich aufgenommenen Informationen des Großhirns sozusagen einen Sinn.

Entwicklung des Großhirns aus dem Zwischenhirn

Abbildung: Die Gehirne von Mensch, Schimpanse, Krähe und Karpfen mit Großhirn und Großhirnrinde (G), Streifenhügel (S), Vorderhirn (V), Zwischenhirn (Z), Kleinhirn (K) und Nachhirn mit Rückenmark (N)

Das zweite Buch hört auf den Titel “Bewußtsein” (herausgegeben vom deutschen Philosophen Thomas Metzinger) und war damals gerade neu herausgekommen. Metzinger stellt (verkürzt gesagt) fest, dass verschiedene wissenschaftliche Fachrichtungen zwar jeweils über eine halbwegs schlüssige Theorie des Bewusstseins verfügen, er als Philosoph aber eine kohärente Theorie vermisse, die alle diese Sichten miteinander verbindet und uns auch intuitiv plausibel erscheint. Besonders interessant fand ich hier - neben Artikeln von Daniel C. Dennett und Patricia S. Churchland, von denen ich vorher noch nie einen Originaltext gelesen hatte, einen Beitrag von Francis Crick und Christoph Koch. In diesem beschreiben sie Bewusstsein als eine Art Oszillation des Großhirns im 40-Herz-Rhytmus - eine Theorie, die sie zwar später widerrufen haben, aber ich fand sie damals sehr erhellend.

Interessanterweise ist offenbar auch Jeff Hawkins durch einen Artikel von Crick auf seine Ideen gekommen.

Soviel zum Hintergrund. Meine Schlussfolgerungen bestanden darin, dass der Blumenkohl, der sich aus der Mutterzelle entwickelt hat, wohl sehr viele Eindrücke speichert. Da der Mensch das meiste davon schnell wieder vergisst, musste es ein Ordnungskriterium geben, das die riesige Menge von Daten sinnvoll verbindet, die uns beim Denken zur Verfügung steht. Dieses Ordnungskriterium musste - wenn die Evolution immer überlebensfähige Zwischenergebnisse brauchte - durch die ursprünglich für Reaktionen verantwortlichen Programme im Zwischenhirn bereitgestellt werden. Genauso wichtig war die umgekehrte Annahme, nämlich, dass man alle anderen Eindrücke langsam wieder vergisst.

Die Frage war nur: Wie genau läuft das ab? Eine endgültige Antwort habe ich nie gehabt, aber es musste etwas in folgender Richtung sein: Jeder kennt Alpträume - diese erinnern sehr an die beschriebenen archaischen Programme, sind aber mit Erlebnissen, Situationen und Gesichtern aus unserer eigenen Erfahrungswelt durchsetzt. Es könnte also sein, dass das Träumen eine Art “Drehen und Wenden” von gespeicherten Sinneseindrücken ist, das im Schlaf dafür sorgt, dass konkrete neue Erlebnisse diesen Zwischenhirnprogrammen auf sinnvolle Weise zugeordnet werden: Die täglichen Eindrücke werden - wie die Teile eines Puzzle-Spiels - solange gedreht und an verschiedene “Andockstellen” der ererbten Programme gehalten, bis sie passen. Dazu müssen sie hierarchisch geordnet, wie Hawkins sie beschreibt, und daher als abstrakte Pattern verwendbar, aber mit Verbindung zu konkreten, erlebten Situationen. Das stimmt mit neueren Informationen, insbesondere über die Informationsverarbeitung in der Sehrinde, wie ich sie bei Christoph Koch gefunden habe, überein (Bewusstsein - ein neurobiologisches Rätsel). Nicht “brauchbare” Erinnerungsfolgen würden dementsprechend vergessen. Nach der Lektüre von Ditfurth, Crick und Koch (und einigen anderen, die Marc Pfaff damals beisteuerte) stand für mich außer Frage, dass es sich dabei um den aktuellen Stand der Wissenschaft handelte. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher (Input von Fachleuten erwünscht).

Ähnliche Ansätze scheinen mittlerweile auch von ernstzunehmenden Wissenschaftlern vertreten zu werden. So unterscheiden Tooby und Cosmides offenbar zwei Funktionsmodi: einen funktionalen Modus, in dem das Gehirn seine normale Tätigkeit ausübt, um auf die Umwelt zu reagieren und den Organismus durch den Alltag zu manövrieren - und einen organisationalen Modus, in dem das Gehirn im Traum oder beim Spielen Informationen neu anordnet und in einen anwendbaren Kontext bringt.

(Tooby, J. & Cosmides, L.(2001): Does Beauty Build Adapted Fiction and the Arts. Substance, 94/95, S. 6-27, zitiert nach Schwab, Frank (2007): Evolutionäres Denken: Missverständnisse, Trugschlüsse und Richtigstellungen. In: Zeitschrift für Medienpsychologie, Jg. 19, H. 4, S. 140–144.)

Die DreamMachine sollte ein Manko ausgleichen, unter dem bestimmt nicht nur ich leide: ein kolossal schlechtes Gedächtnis und eine langsame Auffassungsgabe. Meiner Erfahrung nach kann man das schlechte Gedächtnis hervorragend kompensieren, indem man sich Sachverhalte mit etwa eintägigem Abstand erneut zu Gemüte führt. Noch besser: wenn man die Inhalte einer Unterhaltung dann nochmal revue passieren lässt, wenn sie einen gerade in einem anderen Zusammenhang interessieren. Leider hat man die Details bis dahin in der Regel vergessen. Es fehlt also ein Mechanismus, der die Eindrücke speichert und mit dem man die relevanten später noch einmal abspielen kann. Der verzweifelte Versuch, sich alles sofort zu merken, indem man es sofort mit anderen Sachverhalten und Erinnerungen vernetzt, führt dagegen vermutlich zur langsamen Auffassungsgabe.

Glücklicherweise hatten sich die frühen Videokamera-Experimente von Frank Zappa und anderen seinerzeit bereits herumgesprochen und Menschen wie der “Cyborg” Steve Mann fingen an, sie mit den Vorzügen des Internets zu kombinieren. Über ihn hatte ich in einem Spiegel-Artikel gelesen.

Steve Manns Versuchsreihe (Foto: Wikipedia)

Steve Manns Versuchsreihe (Foto: Wikipedia)

Mann war damals noch Doktorand am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er rannte mit einer Basketballmütze mit integrierter Kamera herum, filmte alles und “streamte” direkt auf seine Homepage im Internet. Damals hieß das, es wurde alle paar Minuten ein Standbild eingestellt.

Eine der Grundideen der DreamMachine war: würde man einen ständigen Stream mit allem Erlebten speichern (Audio und Video), dann hätte man die Möglichkeit, bestimmte - relevante - Szenen später noch ein oder mehrere Male Revue passieren zu lassen - und sie sich so zu merken.

Das Hauptproblem dabei ist zunächst, die relevanten Stellen wieder zu finden. Das kann man ganz einfach lösen, indem man an bestimmten Stellen (im Video oder außerhalb davon mittels Timestamp gespeichert) eine Art Tag (”täg”, Stichwort “Tagging”) setzt. Dann nimmt man sich in regelmäßigen Abständen die Zeit zum “Träumen” - man geht Tag für Tag durch, sieht sich die Stellen rund um die als relevant markierten Frames an und kombiniert diese mit ähnlichen Stellen aus anderen Zeiten (Aufnahmen von anderen Tagen), die man durch die Eingabe von Stichworten wieder findet, die gleichzeitig zur Verschlagwortung der neuen Videosequenzen verwendet werden.

In verschiedenen “Traumphasen” werden dadurch die Filmsequenzen der “Neuen, digitalen Gehirnschicht” mit den Erinnerungen des Großhirns verknüpft - in einem Prozess, der den Traumphasen des menschlichen Gehirns nachempfunden ist. Das ganze war noch etwas komplexer - mit begehbaren 3D-Stadtmodellen, an denen Bilder aus den Videosequenzen als Texturen auf den Fassaden von Straßen angebracht wurden, so dass man an den einzelnen Sequenzen entlanglaufen konnte und Verknüpfungen als Straßenkreuzungen und Ideen als Plätze dargestellt wurden. Eine frühe Version der Aufbereitung der Idee als Website habe ich 1999 auf CD-Rom bei meinem Bewerbungsgespräch bei Pixelpark vorgestellt. Ich werde sie mal suchen und dann an dieser Stelle verlinken.

Was hat das alles mit Social Software zu tun?

Das Web 2.0 bietet mittlerweile viele Tools, Plattformen und Systeme, mit denen sich ein Konzept wie die DreamMachine umsetzen ließe. Leider ist der Name mittlerweile von anderen belegt. Ich bin auf der Suche nach einem neuen. Vorschläge sind immer willkommen.

Der wichtigste Einwand gegen die DreamMachine war immer: damit steuern wir auf die totale Überwachung zu. Wie ich gerade im Netz herausgefunden habe, hat Steve Mann bereits 2004 (oder noch früher) ein interessantes Gegenmodell der “Sousveillance” in den Raum gestellt, das sich Kritiker erst mal in Ruhe auf dem Cortex zergehen lassen sollten: Er sagt, Surveillance sei (wörtlich übersetzt) ÜBER-wachung (von oben). Steve Mann stellt ihr die Sousveillance (”Unterwachung”) gegenüber: ab jetzt filmt das Individuum zurück! Der Staat soll wissen, dass er von unten ebenfalls kritisch beobachtet wird. Auch das ist eines der Dinge, sie sich mit Social Software in die Tat umsetzen lassen. Packen wir’s an!

Neues zu Trends und Technologien in Richtung Dream Machine: DreamMachine auf del.icio.us/achimbode

Meine eigenen bescheidenen Versuche (Fotos): achimbodes Fotos aus Berlin auf ipernity

Ergebnisse der Social Networks-Umfrage der Forschungsgruppe Kooperationssysteme auf www.netzverbesserer.de kommentiert

Thursday, February 21st, 2008

Wir starten einen neuen Multiuser-Blog zu Social Software auf www.netzverbesserer.de

Die Überlegung:
* Wir bieten eine Reihe verschiedener Perspektiven auf das Thema Social Software, Enterprise 2.0, Projektmanagement, Web-2.0-Kultur und angrenzende Themen
* Die interessantesten Blogs im Netz fokussieren auf ein Thema
* Die interessantesten Blogs im Netz veröffentlichen regelmäßig
* Keiner von uns hat Zeit, häufig und regelmäßig zum Thema zu schreiben
* Gemeinsam haben wir also mehr Chancen, einen interessanten Themen-Blog anzubieten

Daher werden diese Themen möglicherweise nach und nach auf meinen Blog auf Netzverbesserer abwandern - hier machen sich im Moment sowieso gerade alle möglichen Themen breit und der Fokus verschiebt sich hin zu einem Blog über mein Privatleben…

Die versprochene Besprechung der Ergebnisse der SNS-Umfrage der Forschungsgruppe Kooperationssysteme habe ich daher schon mal unter http://www.netzverbesserer.de/node/6 veröffentlicht.

Ergebnisse der Umfrage zur “privaten Nutzung von Social-Networking-Services in Deutschland”

Monday, February 18th, 2008

Soeben erreichte mich die Nachricht, dass die Umfrage zur “privaten Nutzung von Social-Networking-Services in Deutschland” der Universität der Forschungsgruppe Kooperationssysteme der Bundeswehr München ausgewertet ist.

Erste Ergebnisse können hier abgerufen werden: Umfrageergebnisse SNS

Leider werde ich sie mir erst morgen angucken können. Im media centre (Veranstalter: Andreas Gebhard und Markus Beckedahl von Newthinking Communications) in Berlin beginnt gleich der Vortrag des Web 2.0-Gurus Richard Stallman: Die Philosophie und Geschichte der Freien Software. Wir werden berichten. Bleiben Sie stark.

Geschäftsprozesse und Electronic Performance Monitoring: Adobe Livecycle Enterprise Suite

Monday, February 18th, 2008

Die jüngst postulierte Unternehmensoberfläche lässt sich seit geraumer Zeit mit der Adobe® LiveCycle® ES Workbench und dem LifeCycle Designer erstellen. Laut Website bieten die Tools die Möglichkeit zur arbeitsteiligen Erstellung und Umsetzung von Geschäftsprozessen in eine integrierte Oberfläche: Die Aufzeichnung der Business Processes erfolgt durch einen Business Analyst. Die entsprechenden Formularen werden von einem “Form Designer” erstellt, der für Gestaltung und Usability verantwortlich ist. Die Modellierung erfolgt (wahlweise Wizard-gestützt) in einer BPMN-konformen Notation (Business Process Modeling Notation). Entwickler können anschließend aus darunterliegenden Webservices (per drag-and-drop!) über Databinding-Komponenten die Anwendungen zusammensetzen.

Auch wenn solche integrierten Systeme erfahrungsgemäß nicht ganz so reibungslos funktionieren, wie von der Marketingabteilung des Herstellers angekündigt, könnten sie sich als Meilenstein der Wirtschaftsgeschichte erweisen. So hat eine Studie von IDS Scheer, die sich bekanntlich ebenfalls intensiv mit BPM beschäftigen, vor einiger Zeit ergeben, dass 80% der befragten Unternehmen mit den Möglichkeiten der Modellierung zufrieden sind, die Probleme dagegen in der konkreten Umsetzung liegen. Die bequeme Erstellung entsprechender Arbeitsoberflächen und die Möglichkeit, diese flexibel und zeitnah den aktuellen Bedürfnissen des Mitarbeiters anzupassen, könnte das ändern.

Diese Entwicklungen [Teams, die in Lotus Notes arbeiteten] führten dazu, dass Business Process Engineering sich zum Design IT-gestützer Prozesse hin veränderte (6).
Tapscott, Don: Rethinking Information Technology and Competitive Advantage, 2005

Mit der Enterprise Suite lassen sich die Benutzeroberflächen nicht nur auf die tatsächlichen Erfordernisse anpassen - man kann auch ihre Nutzung “überwachen”. Dazu stellt die Enterprise Suite ein Business Activity Monitoring-Modul (BAM) zur Verfügung. Bei solchen Überlegungen bekommt die Belegschaft verständlicherweise das Laufen. Man hat denn auch festgestellt, dass Electronic Performance Monitoring die Leistung vor allem von unerfahrenen Mitarbeitern und bei komplexeren Aufgaben eher verschlechtert (Aiello & Kolb, 1995; Davidson & Henderson, 2000; zitiert nach Hertel, Guido & Konradt, Udo, 2007: Telekooperation und virtuelle Teamarbeit. München: Oldenbourg, Lehrbuchreihe interaktive Medien, S. 64f.). Interessanterweise gilt das nicht für virtuelle Teams, bei denen zwar auch keine Leistungssteigerung, aber ein besserer Teamzusammenhalt (Kohäsion) festgestellt wurden.

Oberfläche

Screenshot der Oberfläche aus dem Blog von Christoph Rooms

Eine mögliche Erklärung ist, dass virtuelle Zusammenarbeit unter mangelndem Feedback leidet und die Mitarbeiter sich sicherer fühlen, wenn sie wissen, dass ihre Aktivitäten von den anderen Teammitgliedern wahrgenommen werden können. Sie können dann davon ausgehen, dass die andere Seite sich melden wird, wenn sie andere Vorstellungen vom Arbeitsfortschritt hat - schließlich bietet die Möglichkeit des Monitorings auch eine gewisse Verpflichtung und die Verantwortung wird auf die andere Seite verschoben (entweder den Chef oder die Teammitglieder). EPM wird damit - wenn man es richtig einsetzt - in der Wahrnehmung der Teammitglieder vom Instrument kontrollwütiger, allgewaltiger Manager zu einer positiven Angelegenheit: Die “Überwachung” auf individuell zusammengestellten Dashboards - die jetzt zudem in beiden Richtungen stattfinden kann - vermittelt die Sicherheit, dass die unsichtbaren anderen ebenfalls an ihren Aufgaben arbeiten und man sich auf die rechtzeitige Fertigstellung der benötigten Dokumente und Designs verlassen kann, die man zum Weiterarbeiten braucht.

“… the new technologies are significant because they can potentially knit together an enterprise and facilitate knowledge work in ways that were simply not possible previously.”
(McAfee, Andrew (Spring 2006): Enterprise 2.0: The Dawn of Emergent Collaboration. In: MIT Sloan Management Review, Jg. 47, H. 3, S. 20–28, S. 22)

Zusammen mit Gruppeneditoren wie Wikis und anderer Social Software könnten Oberflächen-Baukästen wie die Enterprise Suite so zu einem wichtigen Baustein für virtuelle und andere Unternehmen werden.

Befraute Raumfahrt

Sunday, February 17th, 2008

Wir wissen nicht genau, was sie genommen hatte. Es muss irgendwie anregend gewesen sein.

Aber erst mal zum Konzert: Mouse on Mars wieder mal in Hochform. Tim hatte mich vorher gewarnt: Mittlerweile machen sie eher Geräusche, war glaube ich die Kernaussage. Das letzte Mouse-on-Mars-Konzert, das wir vor Jahren im Columbia Fritz gesehen hatten, war denn auch noch vergleichsweise melodisch gewesen. Damals waren zwei DJs als Vorgruppe aufgetreten. Auch irgendwas Namhaftes. Als Mouse on Mars auf die Bühne kamen, teilten sie dem Publikum als erstes mit, dass sie erstaunt seien, mit welcher Gelassenheit das Berliner Publikum diese hochkarätigen MXe über sich ergehen lassen habe und deuteten an, dass sie nach einem Lied die Bühne verlassen würden, wenn die Zuhörer weiter kiffend auf dem Betonboden sitzen bleiben würden. Das Berliner Publikum hatte sich gnädig erhoben und es wurde ein gutes Konzert.

Mouse on Mars on Stage

Mouse on Stage

Diesmal - akademischer und in der Akademie der Künste - vergleichsweise symphonisch. Grandioses Klavier zum Einstieg. Spätestens beim Einsatz des Schlagzeugs konnte man die Geräusche wieder guten Gewissens als Musik bezeichnen. Wenn auch nicht die Sorte, die man als Hintergrundmusik zum Arbeiten hört.

Über die junge Dame, die bereits vor Beginn des Konzertes das Publikum mit spitzen Schreien beglückte, herrschte allgemein geteilte Meinung. Einige fanden den Auftritt anmaßend. Meiner persönlichen Meinung nach fügte sich der Auftritt ganz gut ins Bild. Ihre gelegentlichen spitzen Schreie waren weit weniger irritierend als die elektronischen Tonsignale, die bereits vor dem Auftritt begonnen hatten und die arythmisch und atonal das erste Klaviersolo durchzogen. Nach diversen tänzerischen Einlagen auf einer Art Treppengeländer neben den Stuhlreihen brüllte irgendjemand “Geh doch auf die Bühne!”

Alien auf roter Erde: die Weltraumtouristin bei Mouse on Mars

Alien auf roter Erde: die Weltraumtouristin bei Mouse on Mars

Sie: “Darf ich?” Die Zwischenrufe ergaben kein eindeutiges Meinungsbild, aber das hätte sie sowieso nicht aufgehalten. Als sie direkt am rechten Bühnenrand verschwand, dachte man schon, Madame würde kneifen, wurde aber sofort von einer Art Schattenspiel eines besseren belehrt. Kurze Zeit später fing sie an, auf der Bühne Räder zu schlagen. Spätestens der Einsatz als zweite Stimme beim Schlagzeug hätte zum Eklat führen können. Die Marsmäuse ließen sich aber in keinster Weise aus der Ruhe bringen. Experiment auf der ganzen Linie.

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Mouse on Mars - immer wieder gerne. Nur eben nicht als Hintergrundmusik. Und die Weltraumtouristin wäre gar nicht nötig gewesen. Die Musik war auch anregend. Vor allem das letzte Stück.

conspire. transmediale 08

Sunday, February 3rd, 2008

Ich hab mal ein Interview mit einem DJ gelesen, den der Interviewer gefragt hat: Warum sind Top-DJs eigentlich immer mit Topmodels zusammen?
DJ: Warum leckt sich ein Hund an den Eiern? Antwort: weil er’s kann!
In diesem Sinne berichtet euch euer rasender Reporter achimbo.de heute live von der Transmediale, dem Medienereignis im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Einfach weil er’s kann.

Auch wenn das anfangs nicht ganz so einfach zu sein schien, wie es jetzt aussieht…
Aber vielleicht muss ich weiter vorne anfangen: Ich organisiere derzeit die zweite Phase von Studien mit virtuellen Teams, die jeweils eine Website für einen realen Kunden erstellen - Kollaboration nur über virtuelle Plattformen (CollabStudie2). Dazu haben wir mehrere OpenSource-Tools mit RSS zu einer übersichtlichen Oberfläche mit “latest changes” vernetzt, damit man einen einheitlichen Einstieg in die Arbeit findet. Und dann: der SuperGAU (größter anzunehmender Unfall) - Totalausfall der DSL-Verbindung zuhause und tagsüber: Weiterbildung und auch offline.

Geht gar nicht. Daher habe ich beschlossen, mir ein Funkmodem zu besorgen, das auch funktioniert. Es ist sogar allgegenwärtig: mit Fehlermeldungen der Nummer 623, sobald ich anfange, Webseiten aufzurufen. Na gut - vielleicht müssen wir da noch mal ran, technisch.

Als ich vorhin in der S-Bahn zur Transmediale 08 saß, kam es noch dicker: Er wollte die PIN. Ich also offline. Bei dem Medienereignis im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Ich habe natürlich meine Freundin angerufen - die PIN lag ja auf dem Sofa. Dass das nicht klappen würde, hätte man schon beim Losfahren wissen können. Sie telefonierte “mal kurz” mit einer guten Freundin. Nicht dass wir nicht diverse Telefone hätten, aber da zu unterbrechen ist schwierig - und das weniger aus technischen Gründen. Aber als bessere Hälfte eines gut eingespielten Teams beantwortet sie meinen Anrufbeantworter-Hilferuf natürlich direkt nach dem Auflegen.

Rechte Seite der Transmediale-Bühne im Auditorium im

Rechte Seite der Transmediale-Bühne im Auditorium im “Haus der Kulturen der Welt”.

Das war der Moment, in dem mir peinlich bewusst wurde, dass ich im Riesenauditorium der schwangeren Auster mein Handy nicht ausgeschaltet hatte. Machte aber nichts - die Mitglieder des Panels beantworteten mein gequältes Lächeln nachsichtig mit einem noch gequälteren Lächeln. Sie waren sowieso schon am Ende - und das in jeder Hinsicht.

Linke Seite des Podiums. Der Chat als Hauptredner.

Linke Seite des Transmediale-Podiums. Der Chat als Hauptredner.

Der Anruf wäre aber gar nicht nötig gewesen: auf der Transmediale gibt es (hätte man wissen können) flächendeckend lecker WLAN. Ach ja: die Transmediale. Also: eigentlich alles wie immer. Die gleiche Mischung aus interessierten Rentnern und internationaler Multimedia-Avantgarde, total interaktive Ausstellungsstücke und - jetzt neu - ganz viele Kommentare zum Thema Social Software. Wie war das noch? Es ist alles gesagt, aber noch nicht von allen.

Fotos der Hipsters united (wieder werri internäschnl) findet ihr gegen später auf meiner Ipernity-Seite. Muss leider noch kurz ein bisschen Sir Simon Rattle gucken: der lässt jetzt wieder die Puppen tanzen, weil es das letzte mal so gut angekommen ist. Bei uns zuhause ist nämlich die Kultur ausgebrochen neuerdings. Nächste Woche is Beethoven.

Ach doch: ein Highlight war noch. Ich hab Fiona kennen gelernt, die unterrichtet auch Projektmanagement in Medienprojekten - in Irland. Vielleicht ist die nächste CollabStudie dann international. Dann können die Studis sich nicht heimlich treffen - bisher habe ich so den Verdacht, dass es da nicht immer mit rein virtuellen Dingen zugeht.

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