Archive for May, 2008

Web-2.0-Typen

Wednesday, May 28th, 2008

Die Studie “Web 2.0 Tomorrow” teilt die junge Marketing-Zielgruppe nach psychologischen Sparten auf: Die “Sehnsüchtigen”, die “Denkenden”, die “Fühlenden”. Am wichtigsten sind aber die “Freien” - sie sind die Multiplikatoren, offen für Werbung, qualitäts- und markenorientiert. Allerdings sehen sie nicht gerne fern. Die Studie basiert auf der jährlichen Markt-Media-Studie “Typologie der Wünsche” und der “Web 2.0″-Studie der Münchner Marktforschungsfirma PbS AG. Tomorrow gehört zu Burda.

Kommunikation außerhalb der Gesellschaft

Tuesday, May 27th, 2008

Lese gerade mal wieder Luhmann. Diesmal die Grundlagen: Soziale Systeme. Das ist so ein bisschen wie erst saufen und dann essen wenn’s schon schwurbelt. Um die Grundlage nachzuliefern. Dieser Beitrag beinhaltet wie immer unausgegorene Denkanstöße zum Ausschneiden und selbst zuendedenken.

Ein Punkt ist mir gerade aufgefallen, der mir mit dem Aufkommen des Semantic Web immer fragwürdiger erscheint:

Bei sozialen Systemen [...] gibt es außerhalb des Kommunikationssystems Gesellschaft überhaupt keine Kommunikation. Das System ist das einzige, das diesen Operationstypus verwendet, und ist insofern real-notwendig geschlossen.

Momentan mag dieser Standpunkt noch haltbar sein, wenn man etwa kommunizierende Maschinen nicht anerkennt, die Schnittstelleninformationen austauschen, um Prozesse zu organisieren (etwa bei UDDI und ebXML). Spätestens, wenn Rechner anfangen, menschengemachte Informationen auf semantisch sinnvolle Weise auszutauschen, die unsere Handlungen organisieren, sollte man diese Position nochmal diskutieren. Und genau das passiert derzeit in verschiedenen Forschungsprojekten zum Thema Semantic Web.

Der einzige Einwand, den ich gelten lasse, ist die Definition von Krcmar, die Informationssysteme als Einheit aus menschlichen und maschinellen Komponenten definiert. Auch diese werden aber den Menschen immer mehr an den Anfang und ans Ende von Operationen verschieben - und zwischendrin immer autarker interagieren. Man kann das mit dem Großhirn (Rechner) und dem Zwischenhirn (Triebe, fixe Programme) vergleichen. Die Aufgaben des Menschen reduzieren sich dann auf die Sinngebung (Wollen) und die Nutzung (Genießen) dieser Prozesse - also den Bereich, der sich bei psychischen Systemen im Stamm- und Zwischenhirn abspielt. Diese ordnende Kraft ist wichtig, damit das Großhirn zwischen sinnvollen und unsinnigen Operationen unterscheiden kann - anderenfalls wäre die Auswahl zwischen den möglichen Operationen willkürlich. Trotzdem wird ein immer größerer Teil der Kommunikation im maschinellen Teil unserer Informationssysteme ablaufen.

Literatur:

  • Krcmar, Helmut (2005): Informationsmanagement. Mit 41 Tabellen. 4., überarb. und erw. Aufl. Berlin: Springer.
  • Luhmann, Niklas (1987): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. 1. Aufl., [Nachdr.]. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 666).

Enterprise 2.0 - und es dreht sich doch!

Thursday, May 15th, 2008

Was wir immer schon über Enterprise 2.0 geahnt haben, aber nie zu beweisen wagten.

Sören Stamer und seine Mannen haben es einfach getan. Sie arbeiten als Enterprise 2.0.
Natürlich kann man von ihren öffentlichen Verlautbarungen getrost ein paar Prozent Leichtigkeit des Seins abziehen - schließlich will CoreMedia sein System verkaufen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass hier Unternehmer den Sprung ins kalte Wasser getan haben und den Beweis angetreten sind: Ein Unternehmen mit mündigen Mitarbeitern funktioniert!

In ihrem Buch “Enterprise 2.0: Die Kunst, loszulassen”, das Stamer gemeinsam mit seinem Marketing-Chef Willms Buhse herausgegeben hat, plädieren sie für ein offenes Unternehmen ohne Herrschaftswissen - umrankt von Artikeln großer Namen wie Andrew McAfee, David Weinberger oder Don Tapscott Artikel und anderen Vorreitern des Themas wie Nicole Dufft von Berlecon Research und Reichwald/Möslein/Piller.

Eigentlich haben wir es immer geahnt: es ist möglich, die Wahrheit zu sagen. Auch innerhalb von Firmen. Und außerhalb: um sie herum. Nur fallen dann zwei Dinge weg, die uns lieb geworden sind und wir bekommen ein neues Problem. Die liebgewordenen Dinge sind einmal das bereits erwähnte Herrschaftswissen, das innerhalb von Unternehmen gerne von Ellbogen-gewappneten Managern genutzt wird, um sich selbst gegenüber der Abteilung und die Abteilung gegen den Rest des Unternehmens in Stellung zu bringen. Ideen von Mitarbeitern werden dazu als die eigenen ausgegeben und das dadurch “erarbeitete” Renommee wird postwendend genutzt, um die selben Mitarbeiter klein zu halten. Dass das nicht immer zum Vorteil des Unternehmens ist, liegt in der Natur der Sache.

Das zweite, was im Enterprise 2.0 Federn lassen muss, ist dementsprechend die Hierarchie: wenn das Management anerkennt, dass sein Wissen von seinen Mitarbeitern erarbeitet wurde, ist es deutlich schwerer, die darauf basierenden millionenschweren Transaktionen des Managements allein als Erfolg des Managements auszugeben. Viele Manager haben ob der Summen, die dabei im Spiel sind, den Blick für die Verhältnisse verloren (wir wollen den Namen Ackermann hier nicht nennen). Da sie die Informationen, mit denen sie ihre Deals erarbeitet haben, in aggregierter Form (und ohne Transparenz über deren Entstehungsprozess) in diskreten Aktenmappen von unten heraufgereicht bekommen haben, vergessen sie schnell, wie viel Arbeit und Ideen ihrer Mitarbeiter in diesen “Deals” stecken. Insofern stellt “Zwonull” das Unternehmen einfach nur vom Kopf auf die Füße, indem es eine Versionierung für Ideen und Konzepte anbietet, mit der man - etwa in einem Wiki - minutiös genau nachvollziehen kann, wer zu einem Thema wann welchen Gedanken beigetragen hat.

Der Knackpunkt war bisher immer das neue Problem: dass die Grenzen eines transparenten Unternehmens zu seiner Umwelt verschwimmen, ist nicht nur eines der gebetsmühlenartig hergeleierten Web-2.0-Prinzipien. Es ist gleichzeitig Voraussetzung und Resultat von mehr Transparenz innerhalb des Unternehmens: was allen Mitarbeitern bekannt ist, kommt auch schneller an die Öffentlichkeit. Das thematisiert der Artikel “Schönheit kommt von innen” von Marketingchef Willms Buhse in “Enterprise 2.0: Die Kunst, loszulassen” - und er ist dementsprechend das Kernstück des Buches.

Ein Unternehmen intern umzukrempeln ist die eine Sache. Die andere ist die Ehrlichkeit der Öffentlichkeit gegenüber. Man darf gespannt sein, ob die “wisdom of crowds” - bzw. die Weisheit der vereinten Belegschaft - auch in der Lage ist, gegebenenfalls eine Krisen-PR zu erzeugen. Ein Unternehmen gibt sich damit eine Blöße. Und es erfordert viel Mut, auch noch einen gut sichtbaren roten Kringel um die Achillesferse zu pinseln. Darin liegt die Größe dieses Experiments. Denn einen einmal ruinierten Ruf kann man nur schwer wieder herstellen.

Die Argumentation von Willms Buhse enthält nichts völlig Unerwartetes, wenn man mit der Web-2.0-Literatur vertraut ist, aber sie ist so einleuchtend wie genial einfach: wir tauschen die Möglichkeit, Fehler zu vertuschen, gegen ein System, das die meisten Fehler verhindert - Transparenz! CoreMedia stellt sich der Kritik von innen und arbeitet so lange an den Kritikpunkten, dass Kritikern von außen am Ende die Argumente ausgehen.

Zwei Dinge haben dem viel beschworenen Enterprise 2.0 bisher gefehlt: ein Proof of Concept und die Details, wie die Prinzipien des Web 2.0 im Unternehmen umgesetzt werden können. Zweiteres unterteilt sich noch einmal in eine Prozess- und eine Technologiekomponente. Stamer und Buhse haben den Vorteil, dass das von ihnen vertriebene Produkt genau diese Technologie ist. Auch über die Vorgehensweise haben sie sich bereits Gedanken gemacht, denn man kann das eine nicht ohne das andere entwickeln. Im Interview mit Sören Stamer auf PR BLOGGER klingt das so:

“Es reicht ein einziges Häkchen in unserer Blogging-Plattform und der Beitrag steht nicht nur im Intranet sondern auch im Internet. Die einzige Regel für alle Mitarbeiter ist: “Schreibt bitte nichts Dummes.” Interessanterweise funktioniert diese Regel sehr gut. Viele Mitarbeiter trauen sich und treten extern viel mehr in Erscheinung als früher.”

Und was den anderen Punkt - den Proof of Concept - angeht: Das scheinen sie auch gerade zu erproben.

Literatur:

  • Buhse, Willms (2008): Schönheit kommt von innen. Die neue Kommunikationskultur eines Enterprise 2.0. In: Buhse, Willms; Stamer, Sören (Hg.): Enterprise 2.0 - Die Kunst, loszulassen. 1. Aufl. Berlin: Rhombos-Verlag.
  • Krcmar, Helmut (2005): Informationsmanagement. Mit 41 Tabellen. 4., überarb. und erw. Aufl. Berlin: Springer.
  • Eck, Klaus (8.5.2008): Online Reputation Management 3: Sören Stamer setzt auf Enterprise 2.0. Interview mit Sören Stamer von CoreMedia. Online verfügbar unter http://klauseck.typepad.com/prblogger/2008/05/soeren-stamer.html, zuletzt aktualisiert am 8.5.2008, zuletzt geprüft am 15.5.2008.
  • del.icio.us/achimbode/Enterprise2.0

Danke an daydreamerin, die mir den Hinweis auf das Interview über delicious weitergereicht hat!

deutsch -> Luhmann, Luhmann -> deutsch

Thursday, May 15th, 2008

Ein uralter Blogeintrag, den ich eben wiedergefunden habe - auch meine Ergüsse zu Luhmann sollen der Wissenschaft nicht vorenthalten bleiben (Habe gerade gesehen, dass es zu diesem Thema - Luhmann verstehen - jetzt ein Buch gibt: Luhmann leicht gemacht)

Wenn man die Sprache eines anderen Menschen nicht versteht, helfen Wörterbücher. Wenn man die Sprache von Niklas Luhmann nicht versteht, hilft nur das Spezialdictionary: deutsch -> Luhmann, Luhmann -> deutsch. Da der Großteil der Menschheit mehr Interesse daran hat, die Erkenntnisse von Luhmann in ihre Sprache zu übersetzen, als Alltagsweisheiten in der Terminologie der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien zu verpacken, konzentrieren wir uns auf die zweite Richtung: Luhmann -> deutsch.

Luhmann: der Grund des Widerstandes [gegen eine Vermehrung der Geldmenge] ist das Festhalten am Prinzip der Summenkonstanz auf der Ebene des body politic.
deutsch: Keiner konnte sich damals vorstellen, dass 1 und 1 drei ergeben kann, wenn man lange genug daran rumfeilt. Der Mehrwert kommt eben vom Rumfeilen. Früher war es so selbstverständlich, dass 1 und 1 zwei sind, dass das völlig undenkbar war.

Luhmann: „It is like transferring money from the right hand to the left; which leaves the person neither poorer nor richer than before“. (Fußnote)
Anm. d. Übers.: Das ist ein Zitat von David Hume, 1970, “Writings in Economics”, den er hier gerade nach allen Regeln der Kunst auseinander nimmt. Glücklicherweise drückt der sich etwas klarer aus als Luhmann, kann dafür aber kein deutsch – daher soll hier eine Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche genügen.
deutsch: „Es ist wie das Spielchen ‚Linke Tasche – rechte Tasche’ – davon wird man auch nicht reicher“. (Fußnote)

Luhmann: Also Ablehnung der Paradoxie, daß Knappheit sowohl summenkonstant als auch nicht summenkonstant ist.
deutsch: Was die Jungs damals noch nicht wussten ist, dass 1 und 1 sehr wohl 3 sein kann – und man trotzdem meistens weiter rechnen kann, wie man es in der Schule gelernt hat.

Luhmann: Aber wie hilft man sich, wenn man Bank- und Kreditwesen nicht mehr ignorieren kann, statt dessen weiter?
Anm. d. Übers.: Na also, Klartext geht doch.
deutsch: Die Banken verleihen manchmal auch 3 Euro, wenn sie nur zweimal einen Euro als schlecht verzinsten Gegenwert auf den Konten armer Schlucker eingesammelt haben. Das hatte mittlerweile auch der letzte gemerkt. Und darum konnte man nicht einfach so weiter machen als sei nichts gewesen.

Luhmann: Anscheinend findet man neue Möglichkeiten einer rein wirtschaftsinternen Diifferenzierung, einer strukturierenden Differenzierung, die die Selbstreferenz des Systems unterbricht und die dann im System als eine natürliche, jedenfalls unvermeidliche Ordnung der Verhältnisse angeboten werden kann.
Anm. d. Übers.: zu früh gefreut.
deutsch: Wenn man die Menschen da draußen (und sich selbst) nicht total überfordern will, baut man sich die Wahrheit zwar anders zusammen als früher, aber immer noch so, dass man nicht alles gleich über den Haufen werfen muss, was man in der Schule gelernt hat. Genauso wie früher geht ja nicht mehr, weil da 1 und 1 immer 2 war. So war es uns in der Schule erklärt worden und deshalb war es so.
Bleiben wir also dabei, dass 1 und 1 gleich 2 ist. Damit das so bleibt, waren ja alle gegen Banken und das Geldwesen im Allgemeinen gewesen. Lenken wir die Aufmerksamkeit der anderen also auf ein anderes Thema.

Luhmann: Sie liegt in der Differenzierung zwischen Angebot und Nachfrage am Markt.
deutsch: Beschäftigen wir uns mit Angebot und Nachfrage. Dazu braucht man keine Neumathematik – und alle sind zufrieden.

Luhmann: Für den Anbieter ist Anzubietendes reichlich vorhanden, denn sonst würde er es nicht anbieten, Nachfrage dagegen knapp. Für den Nachfrager gilt das Umbekehrte.
deutsch: 1 und 1 ist immer noch zwei, aber der eine hat so viel von dem, was er verkaufen will, dass es ihm sehr klein erscheint. So ne Art Releativitätstheorie: von außen betrachtet verkauft er 1 Surfbrett, aber weil er noch 10 in der Garage hat, ist das kein großes Ding. Quasi ein kleines Surfbrett. Für den, der es kaufen will, bedeutet es Freiheit und Abenteuer, ist also ein riesiges Surfbrett.

Luhmann: Das Auseinanderziehen, die soziale Differenzierung von Angebot und Nachfrage macht es mithin möglich, das Paradox der Knappheit des Überflusses zu entparadoxieren.
deutsch: Angebot und Nachfrage sind im Gleichgewicht, obwohl – oder gerade weil – das Surfbrett für den einen ein Traum und für den anderen Peanuts ist. Dass da 1 und 1 für den einen 1,9 und für den andern 2,1 sein könnte, spielt in dem Moment auch keine Rolle.

Luhmann: Man gibt ihm zwei verschiedene Formen, die sich wechselseitig nicht mehr ausschließen, sondern gerade fordern: Angebot und Nachfrage.
In dem Moment ist dem Käufer das Surfbrett so wichtig – und der andere ist jung und braucht das Geld – dass man sich per Handshake einigt und fünfe gerade sein lässt. Schließlich ist für beide klar, dass sich hier Angebot und Nachfrage bestens ergänzen und das Ding jetzt über die Bühne gehen muss.

Luhmann: Das Auseinanderziehen beider Perspektiven setzt die systeminterne Rekonstruktion des Wirtschaftssystems als Markt voraus, und es setzt, soll es nicht nur ad hoc, sondern als System gelingen, Geld voraus.
Anm. d. Übers.: „setzt Geld voraus“ spricht glaube ich für sich. Der Rest bedeutet:
deutsch: Leider hat er gerade nichts auf Tasche. Zum Glück ist die nächste Bank um die Ecke und er geht mal eben ein paar Scheine ziehen.

Luhmann: Wenn die Differenz von Angebot und Nachfrage etabliert ist, kann auch das Paradox der Einheit wiedererscheinen – freilich nicht mehr als Paradox, sondern in gereinigter Form: als „Gleichgewicht“ von Angebot und Nachfrage. Und daran richtet sich dann die ökonomische Theorie auf.
deutsch: und – oops! – da fällt ihm plötzlich auf, dass eine Bank 1+1=3 voraussetzt. Ist ihm jetzt aber auch egal. Alle sind glücklich und gehen surfen. Von da an wird sich nicht mehr über Alt- und Neumathematik echauffiert, sondern nur noch mit Surfbrettern gedealt.

Das Ganze ist also ein bisschen so wie bei David Copperfield: guckstu hier hin (steht ja’n Surfbrett!), passu da drüben nicht auf – und schon sind 1 und 1 gleich 3. Hassu den Salat.

So. Das war Seite 203. Eigentlich wollte ich die zwei Seiten danach übersetzen und das hier war nur die Einleitung. Aber dafür reicht es jetzt nicht mehr. Die zwei Seiten danach sind aber auch sehr lustig. Da erzählt er, wie genau das Gleiche im Rechtssystem und in der Wissenschaft passiert ist. Plötzlich war alles anders und keiner hatte es gemerkt. Waren alle mit was anderem beschäftigt.