deutsch -> Luhmann, Luhmann -> deutsch

Ein uralter Blogeintrag, den ich eben wiedergefunden habe - auch meine Ergüsse zu Luhmann sollen der Wissenschaft nicht vorenthalten bleiben (Habe gerade gesehen, dass es zu diesem Thema - Luhmann verstehen - jetzt ein Buch gibt: Luhmann leicht gemacht)

Wenn man die Sprache eines anderen Menschen nicht versteht, helfen Wörterbücher. Wenn man die Sprache von Niklas Luhmann nicht versteht, hilft nur das Spezialdictionary: deutsch -> Luhmann, Luhmann -> deutsch. Da der Großteil der Menschheit mehr Interesse daran hat, die Erkenntnisse von Luhmann in ihre Sprache zu übersetzen, als Alltagsweisheiten in der Terminologie der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien zu verpacken, konzentrieren wir uns auf die zweite Richtung: Luhmann -> deutsch.

Luhmann: der Grund des Widerstandes [gegen eine Vermehrung der Geldmenge] ist das Festhalten am Prinzip der Summenkonstanz auf der Ebene des body politic.
deutsch: Keiner konnte sich damals vorstellen, dass 1 und 1 drei ergeben kann, wenn man lange genug daran rumfeilt. Der Mehrwert kommt eben vom Rumfeilen. Früher war es so selbstverständlich, dass 1 und 1 zwei sind, dass das völlig undenkbar war.

Luhmann: „It is like transferring money from the right hand to the left; which leaves the person neither poorer nor richer than before“. (Fußnote)
Anm. d. Übers.: Das ist ein Zitat von David Hume, 1970, “Writings in Economics”, den er hier gerade nach allen Regeln der Kunst auseinander nimmt. Glücklicherweise drückt der sich etwas klarer aus als Luhmann, kann dafür aber kein deutsch – daher soll hier eine Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche genügen.
deutsch: „Es ist wie das Spielchen ‚Linke Tasche – rechte Tasche’ – davon wird man auch nicht reicher“. (Fußnote)

Luhmann: Also Ablehnung der Paradoxie, daß Knappheit sowohl summenkonstant als auch nicht summenkonstant ist.
deutsch: Was die Jungs damals noch nicht wussten ist, dass 1 und 1 sehr wohl 3 sein kann – und man trotzdem meistens weiter rechnen kann, wie man es in der Schule gelernt hat.

Luhmann: Aber wie hilft man sich, wenn man Bank- und Kreditwesen nicht mehr ignorieren kann, statt dessen weiter?
Anm. d. Übers.: Na also, Klartext geht doch.
deutsch: Die Banken verleihen manchmal auch 3 Euro, wenn sie nur zweimal einen Euro als schlecht verzinsten Gegenwert auf den Konten armer Schlucker eingesammelt haben. Das hatte mittlerweile auch der letzte gemerkt. Und darum konnte man nicht einfach so weiter machen als sei nichts gewesen.

Luhmann: Anscheinend findet man neue Möglichkeiten einer rein wirtschaftsinternen Diifferenzierung, einer strukturierenden Differenzierung, die die Selbstreferenz des Systems unterbricht und die dann im System als eine natürliche, jedenfalls unvermeidliche Ordnung der Verhältnisse angeboten werden kann.
Anm. d. Übers.: zu früh gefreut.
deutsch: Wenn man die Menschen da draußen (und sich selbst) nicht total überfordern will, baut man sich die Wahrheit zwar anders zusammen als früher, aber immer noch so, dass man nicht alles gleich über den Haufen werfen muss, was man in der Schule gelernt hat. Genauso wie früher geht ja nicht mehr, weil da 1 und 1 immer 2 war. So war es uns in der Schule erklärt worden und deshalb war es so.
Bleiben wir also dabei, dass 1 und 1 gleich 2 ist. Damit das so bleibt, waren ja alle gegen Banken und das Geldwesen im Allgemeinen gewesen. Lenken wir die Aufmerksamkeit der anderen also auf ein anderes Thema.

Luhmann: Sie liegt in der Differenzierung zwischen Angebot und Nachfrage am Markt.
deutsch: Beschäftigen wir uns mit Angebot und Nachfrage. Dazu braucht man keine Neumathematik – und alle sind zufrieden.

Luhmann: Für den Anbieter ist Anzubietendes reichlich vorhanden, denn sonst würde er es nicht anbieten, Nachfrage dagegen knapp. Für den Nachfrager gilt das Umbekehrte.
deutsch: 1 und 1 ist immer noch zwei, aber der eine hat so viel von dem, was er verkaufen will, dass es ihm sehr klein erscheint. So ne Art Releativitätstheorie: von außen betrachtet verkauft er 1 Surfbrett, aber weil er noch 10 in der Garage hat, ist das kein großes Ding. Quasi ein kleines Surfbrett. Für den, der es kaufen will, bedeutet es Freiheit und Abenteuer, ist also ein riesiges Surfbrett.

Luhmann: Das Auseinanderziehen, die soziale Differenzierung von Angebot und Nachfrage macht es mithin möglich, das Paradox der Knappheit des Überflusses zu entparadoxieren.
deutsch: Angebot und Nachfrage sind im Gleichgewicht, obwohl – oder gerade weil – das Surfbrett für den einen ein Traum und für den anderen Peanuts ist. Dass da 1 und 1 für den einen 1,9 und für den andern 2,1 sein könnte, spielt in dem Moment auch keine Rolle.

Luhmann: Man gibt ihm zwei verschiedene Formen, die sich wechselseitig nicht mehr ausschließen, sondern gerade fordern: Angebot und Nachfrage.
In dem Moment ist dem Käufer das Surfbrett so wichtig – und der andere ist jung und braucht das Geld – dass man sich per Handshake einigt und fünfe gerade sein lässt. Schließlich ist für beide klar, dass sich hier Angebot und Nachfrage bestens ergänzen und das Ding jetzt über die Bühne gehen muss.

Luhmann: Das Auseinanderziehen beider Perspektiven setzt die systeminterne Rekonstruktion des Wirtschaftssystems als Markt voraus, und es setzt, soll es nicht nur ad hoc, sondern als System gelingen, Geld voraus.
Anm. d. Übers.: „setzt Geld voraus“ spricht glaube ich für sich. Der Rest bedeutet:
deutsch: Leider hat er gerade nichts auf Tasche. Zum Glück ist die nächste Bank um die Ecke und er geht mal eben ein paar Scheine ziehen.

Luhmann: Wenn die Differenz von Angebot und Nachfrage etabliert ist, kann auch das Paradox der Einheit wiedererscheinen – freilich nicht mehr als Paradox, sondern in gereinigter Form: als „Gleichgewicht“ von Angebot und Nachfrage. Und daran richtet sich dann die ökonomische Theorie auf.
deutsch: und – oops! – da fällt ihm plötzlich auf, dass eine Bank 1+1=3 voraussetzt. Ist ihm jetzt aber auch egal. Alle sind glücklich und gehen surfen. Von da an wird sich nicht mehr über Alt- und Neumathematik echauffiert, sondern nur noch mit Surfbrettern gedealt.

Das Ganze ist also ein bisschen so wie bei David Copperfield: guckstu hier hin (steht ja’n Surfbrett!), passu da drüben nicht auf – und schon sind 1 und 1 gleich 3. Hassu den Salat.

So. Das war Seite 203. Eigentlich wollte ich die zwei Seiten danach übersetzen und das hier war nur die Einleitung. Aber dafür reicht es jetzt nicht mehr. Die zwei Seiten danach sind aber auch sehr lustig. Da erzählt er, wie genau das Gleiche im Rechtssystem und in der Wissenschaft passiert ist. Plötzlich war alles anders und keiner hatte es gemerkt. Waren alle mit was anderem beschäftigt.

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