(Fragment aufbauend auf die U-Boot-Metapher von Varela und Maturana)
Psychische Systeme (Menschen)
Genau wie das U-Boot haben wir einige Sensoren (Sinne) und Schalter (Handlungen) zur Verfügung. Wir lernen mit der Zeit, bei welcher Kombination von Sinneseindrücken (Situation) welche Handlungen sinnvoll sind. Falsche Reaktionen auf die Umwelt werden bei Babys noch mit Schmerzen (Irritiationen) bestraft – später mit Situationen, die wir mit Schmerz assoziieren und die daher ein schlechtes Gefühl hervorrufen.
Dabei lernen Babys erst mit der Zeit, dass Kontraste oft Gegenstände bedeuten und dass ein Punkt-Punkt-Komma-Strich-Schema ein Gesicht ist und für einen anderen Menschen steht. Ein Mensch, den es nie wirklich verstehen wird, denn es kann nicht in ihn hineingucken. Es kann nur beobachten, wie er sich in bestimmten Situationen benimmt. Warum er sich so benimmt, vermutet es nur – stellt also Theorien auf. Grundlage dieser Theorien ist: „Wie würde ich mich selbst in der Situation benehmen?“. Schlechte Theorien führen zu falschem Verhalten und werden mit unangenehmen Situationen bestraft (konditioniert) – gute werden belohnt.
Teammitglieder und Stakeholder sind wie U-Boote aus unterschiedlichen Gewässern. Sie verfügen über einen komplett unterschiedlichen Erfahrungshorizont und haben bei ganz unterschiedlichen Anzeichen ein mulmiges Gefühl. Man kann sich zum Beispiel einen Designer als Mini-U-Boot in einem Bachbett vorstellen. Er bewegt sich zwischen Flusskrebsen und orientiert sich an Helligkeiten und Lichtreflexen. Der Manager des Kunden ist ein Tiefsee-U-Boot und lebt in einer Umgebung, in der es zwar Krebse gibt – aber in die niemals Licht vordringt. Was noch schlimmer ist: auch die Krebse sind vollkommen andere Arten, viele von ihnen sind für Tiefsee-Mini-U-Boote hochgefährlich.
Beim Briefing redet der Designer von Krebsen und hat dabei helle Bachbetten mit Lichtreflexen im Kopf. Der Manager sieht etwas vollkommen anderes und hat ein mulmiges Gefühl. Kurz: die beiden verstehen sich nicht, weil sie in vollkommen anderen Welten leben. Und sie sollen jetzt – zusammen mit einigen anderen U-Booten aus dem rauhen friesischen Wattenmeer und den heißen Lagunen der Bahamas – die Projektziele aushandeln, die später für alle verbindlich sind. Sie sollen Bojen setzen, um die Route agzustecken und ein „gemeinsames Bild“ der Probleme entwickeln. Viel Spaß!
Am Ende wird jeder Stakeholder (Teammitglieder, Accountmanager, Kunden) ein anderes Bild im Kopf haben – und vage Theorien, wie die anderen die Lage sehen. Was fehlt sind Korrekturschleifen, in denen sie feststellen, an welchen Punkten ihre Vermutungen und Bewertungen der Situation auf falschen Annahmen beruhen, nämlich Erfahrungen aus dem eigenen Metier.
Literatur
Luhmann, Niklas (1987): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. 1. Aufl., [Nachdr.]. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 666).