Archive for May, 2009

Keine Generation Twitter

Sunday, May 10th, 2009

Doch. Dieser Artikel hat einen roten Faden.

Von der Recherche zum Carnival zum Blogposting zum eigenen Blog zu …

Wie das mit der Vernetzung so ist: Beim Lesen eines Artikels (”Unternehmensinterner Blog der Namics AG” in “Web 2.0 in der Unternehmenspraxis“) und der anschließenden Recherche bin ich auf der Suche nach dem Fachgebiet von Frau Hain (Wirtschaftsinformatik) wieder auf den Wissenswert-Blog-Carnival der Uni St. Gallen gestoßen.

Die Generation Twitter ist noch nicht vom Himmel gefallen

Von da aus ging es weiter (man könnte sagen: “Netz ist, wenn es nie aufhört“) zu einem interessanten Beitrag von Luka Peters, der in seinen Studenten keine geborenen Digital Natives erkennen kann:

Heute gehören zu den kulturellen Gemeinsamkeiten die jeweils neuesten Gadgets. Das können Online-Tools zur Kommunikation im weiteren Sinne ebenso sein wie Hardware, sei sie nun mobil wie ein iPod oder materiell gewichtiger wie ein High-End-Gamer-PC, der heftigst gemoddet wurde.

Meine Erfahrungen der letzten Jahre mit Studentinnen und Studenten sowohl an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf als auch an der Fachhochschule Düsseldorf zeigen ein ganz anderes Bild dieser angeblichen Digital Natives, als manche es zeichnen möchten. Hier treffe ich bislang nur selten auf Experten der neueren Web-Technologien. Selbst im gerade beendeten Wintersemester 2008/2009 hatten die Studierenden meines E-Learning-Seminars noch keine bzw. kaum Erfahrungen mit produktiven Web-Techniken, wie z.B. Weblogs, Wikis etc. Skype-Konferenzen sind hingegen geläufig und werden gerade in der Phase der Projektarbeit von den Studierenden selbstverständlich eingesetzt, ebenso wie Instant Messenger Werkzeuge. Twittern war zwar ein Begriff, aktiv nutzte es aber keiner. Ich könnte diese Aufzählung weiterführen, aber zusammenfassend kann ich feststellen, dass die “Net Generation” wohl eher eine “Gadget Generation” ist, aufgeschlossen für und neugierig auf neue Technologien, aber oft nicht tiefer in die Anwendung eindringend.

Wie hier und hier bereits erwähnt, kann ich dem nach meiner eigenen Lehr- und Forschungserfahrung nur zustimmen: Sie fällt nicht vom Himmel, die Net Generation. Die Studenten in unseren Versuchen im Forschungsprojekt 4CforMedia und in der Lehre an der Beuth-Hochschule (vormals TFH) und der BTK haben sich clever dabei angestellt, sich Tagging, den Umgang mit Wikis und Ähnliches anzueignen. Dass sie von vornherein begnadete Web-2.0-Nutzer gewesen wären kann man allerdings nicht behaupten.

Eher eine Frage persönlicher Vorlieben

Ja, es gibt einige wenige, die im Umgang mit Social Software sehr routiniert sind. Aber es gab auch in meiner Generation (69) einige, die sehr firm im Umgang mit Computern waren. Von der Masse konnte man das damals nicht behaupten. Es ist nach meiner Erfahrung eher eine Frage persönlicher Vorlieben und des direkten Umfeldes. Und: natürlich lernt ein Schüler schneller als ein 60-jähriger Manager. Aber das hat nicht nur mit Festverdrahtung der mentalen Strukturen zu tun. Menschen mit langjähriger Berufserfahrung stehen einfach unter einem gewaltigen Druck, effizient zu sein, den Schüler und Studenten weniger kennen. Sie haben eher die Zeit (und es wird von ihnen erwartet), sich Neues anzueignen.

Der “Netzwerk-Effekt”: Was ist das? …

Aber nun zum Netzwerkeffekt. Eigentlich hat es Martin Lindner im Aufruf zum Blog-Carnival schon ganz gut zusammengefasst:

„Vernetzt“ ist ja längst einer dieser verbrauchten und verwaschenen BullshitBingo-Buzzwords, die wir alle im Mund führen ohne etwas Konkretes damit zu meinen: Irgendwie Internet halt, Neuronen im Hirn, Gschaftlhuberei mit e-Mail und Xing und StudiVZ.

Meine “Gschaftlhuberei” begrenzt sich allerdings vor allem auf das Verwalten (und Wiederfinden!) von realweltlichen Kontakten. Allerdings machen Tagging und Plattformen wie XING es einem tatsächlich leichter, Kontakte zu handhaben - und mehr: oft finde ich Kontakte bei solchen Suchen wieder, die ich schon längst vergessen hatte, oder an die ich zumindest im aktuellen Zusammenhang nicht gedacht hatte, obwohl sie goldrichtig zum Thema passen.

… Und wie hat er mich vorwärts gebracht?

Genauso geht es mir mit Links: ohne delicious wüsste ich kaum noch, wie ich etwas wiederfinden sollte. Und ipernity macht endlich meinen Alltag durchsuchbar - wenn auch derzeit meistens mit ein bis zwei Monaten Delay…
Und meine Arbeit wird ebenfalls in einem (nichtöffentlichen) Wiki gesammelt. Zu Recherchezwecken habe ich mir ein Ubiquity-Script gebastelt, das mir die Dokumentation vereinfacht. Es hat eine ähnliche Funktion wie der “Press This”-Button in Wordpress und erleichtert die Arbeit ungemein.

Man kann also sagen, im wesentlichen stricke ich mir mein eigenes Netz. Es geht weniger darum, der Welt etwas Gutes zu tun, als ganz persönlich den Überblick zu behalten. Und: bei mir geht es deutlich mehr um vernetzte Informationen als um vernetzte Personen - um die Frage zu beantworten.

Prokrastinasurf

Und dann sind da natürlich immer diese Erlebnisse der umgekehrten Art. Wo man die Links anderer Leute nutzt, um sich im Netz zu verlieren. Katrin Passig und Sascha Lobo (die ich letztens mal das Vergnügen hatte kennen zu lernen) haben mal auf dem WirnennenesArbeit-Kongress (oder was immer das war - war es ein Kongress?) einen köstlichen Vortrag über Prokrastination gehalten. Wie man es anstellt, die wirklich wichtigen Dinge immer vor sich her zu schieben. Soviel ich weiß haben sie mittlerweile ein Buch darüber geschrieben. Das gibt die Verlinkung auch her. Ganz eindeutig. Von Google zur Website zum Blog und dann über diesen fatalen Link… - aber das, was wir dabei aufschnappen, ist doch die Quelle unserer Kreativität, oder? Ohne wild verwirbelte Inhalte keine Verknüpfungen, die sie verbinden - im Hirn wie in der Arbeit wie im Web. Netz ist eben, wenn es nie aufhört, weiter zu gehen.