Archive for the ‘Lehre’ Category

Keine Generation Twitter

Sunday, May 10th, 2009

Doch. Dieser Artikel hat einen roten Faden.

Von der Recherche zum Carnival zum Blogposting zum eigenen Blog zu …

Wie das mit der Vernetzung so ist: Beim Lesen eines Artikels (”Unternehmensinterner Blog der Namics AG” in “Web 2.0 in der Unternehmenspraxis“) und der anschließenden Recherche bin ich auf der Suche nach dem Fachgebiet von Frau Hain (Wirtschaftsinformatik) wieder auf den Wissenswert-Blog-Carnival der Uni St. Gallen gestoßen.

Die Generation Twitter ist noch nicht vom Himmel gefallen

Von da aus ging es weiter (man könnte sagen: “Netz ist, wenn es nie aufhört“) zu einem interessanten Beitrag von Luka Peters, der in seinen Studenten keine geborenen Digital Natives erkennen kann:

Heute gehören zu den kulturellen Gemeinsamkeiten die jeweils neuesten Gadgets. Das können Online-Tools zur Kommunikation im weiteren Sinne ebenso sein wie Hardware, sei sie nun mobil wie ein iPod oder materiell gewichtiger wie ein High-End-Gamer-PC, der heftigst gemoddet wurde.

Meine Erfahrungen der letzten Jahre mit Studentinnen und Studenten sowohl an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf als auch an der Fachhochschule Düsseldorf zeigen ein ganz anderes Bild dieser angeblichen Digital Natives, als manche es zeichnen möchten. Hier treffe ich bislang nur selten auf Experten der neueren Web-Technologien. Selbst im gerade beendeten Wintersemester 2008/2009 hatten die Studierenden meines E-Learning-Seminars noch keine bzw. kaum Erfahrungen mit produktiven Web-Techniken, wie z.B. Weblogs, Wikis etc. Skype-Konferenzen sind hingegen geläufig und werden gerade in der Phase der Projektarbeit von den Studierenden selbstverständlich eingesetzt, ebenso wie Instant Messenger Werkzeuge. Twittern war zwar ein Begriff, aktiv nutzte es aber keiner. Ich könnte diese Aufzählung weiterführen, aber zusammenfassend kann ich feststellen, dass die “Net Generation” wohl eher eine “Gadget Generation” ist, aufgeschlossen für und neugierig auf neue Technologien, aber oft nicht tiefer in die Anwendung eindringend.

Wie hier und hier bereits erwähnt, kann ich dem nach meiner eigenen Lehr- und Forschungserfahrung nur zustimmen: Sie fällt nicht vom Himmel, die Net Generation. Die Studenten in unseren Versuchen im Forschungsprojekt 4CforMedia und in der Lehre an der Beuth-Hochschule (vormals TFH) und der BTK haben sich clever dabei angestellt, sich Tagging, den Umgang mit Wikis und Ähnliches anzueignen. Dass sie von vornherein begnadete Web-2.0-Nutzer gewesen wären kann man allerdings nicht behaupten.

Eher eine Frage persönlicher Vorlieben

Ja, es gibt einige wenige, die im Umgang mit Social Software sehr routiniert sind. Aber es gab auch in meiner Generation (69) einige, die sehr firm im Umgang mit Computern waren. Von der Masse konnte man das damals nicht behaupten. Es ist nach meiner Erfahrung eher eine Frage persönlicher Vorlieben und des direkten Umfeldes. Und: natürlich lernt ein Schüler schneller als ein 60-jähriger Manager. Aber das hat nicht nur mit Festverdrahtung der mentalen Strukturen zu tun. Menschen mit langjähriger Berufserfahrung stehen einfach unter einem gewaltigen Druck, effizient zu sein, den Schüler und Studenten weniger kennen. Sie haben eher die Zeit (und es wird von ihnen erwartet), sich Neues anzueignen.

Der “Netzwerk-Effekt”: Was ist das? …

Aber nun zum Netzwerkeffekt. Eigentlich hat es Martin Lindner im Aufruf zum Blog-Carnival schon ganz gut zusammengefasst:

„Vernetzt“ ist ja längst einer dieser verbrauchten und verwaschenen BullshitBingo-Buzzwords, die wir alle im Mund führen ohne etwas Konkretes damit zu meinen: Irgendwie Internet halt, Neuronen im Hirn, Gschaftlhuberei mit e-Mail und Xing und StudiVZ.

Meine “Gschaftlhuberei” begrenzt sich allerdings vor allem auf das Verwalten (und Wiederfinden!) von realweltlichen Kontakten. Allerdings machen Tagging und Plattformen wie XING es einem tatsächlich leichter, Kontakte zu handhaben - und mehr: oft finde ich Kontakte bei solchen Suchen wieder, die ich schon längst vergessen hatte, oder an die ich zumindest im aktuellen Zusammenhang nicht gedacht hatte, obwohl sie goldrichtig zum Thema passen.

… Und wie hat er mich vorwärts gebracht?

Genauso geht es mir mit Links: ohne delicious wüsste ich kaum noch, wie ich etwas wiederfinden sollte. Und ipernity macht endlich meinen Alltag durchsuchbar - wenn auch derzeit meistens mit ein bis zwei Monaten Delay…
Und meine Arbeit wird ebenfalls in einem (nichtöffentlichen) Wiki gesammelt. Zu Recherchezwecken habe ich mir ein Ubiquity-Script gebastelt, das mir die Dokumentation vereinfacht. Es hat eine ähnliche Funktion wie der “Press This”-Button in Wordpress und erleichtert die Arbeit ungemein.

Man kann also sagen, im wesentlichen stricke ich mir mein eigenes Netz. Es geht weniger darum, der Welt etwas Gutes zu tun, als ganz persönlich den Überblick zu behalten. Und: bei mir geht es deutlich mehr um vernetzte Informationen als um vernetzte Personen - um die Frage zu beantworten.

Prokrastinasurf

Und dann sind da natürlich immer diese Erlebnisse der umgekehrten Art. Wo man die Links anderer Leute nutzt, um sich im Netz zu verlieren. Katrin Passig und Sascha Lobo (die ich letztens mal das Vergnügen hatte kennen zu lernen) haben mal auf dem WirnennenesArbeit-Kongress (oder was immer das war - war es ein Kongress?) einen köstlichen Vortrag über Prokrastination gehalten. Wie man es anstellt, die wirklich wichtigen Dinge immer vor sich her zu schieben. Soviel ich weiß haben sie mittlerweile ein Buch darüber geschrieben. Das gibt die Verlinkung auch her. Ganz eindeutig. Von Google zur Website zum Blog und dann über diesen fatalen Link… - aber das, was wir dabei aufschnappen, ist doch die Quelle unserer Kreativität, oder? Ohne wild verwirbelte Inhalte keine Verknüpfungen, die sie verbinden - im Hirn wie in der Arbeit wie im Web. Netz ist eben, wenn es nie aufhört, weiter zu gehen.

Jeffrey Pfeffer über Evidenzbasiertes Management (Evidence Based Management, EbM)

Sunday, March 16th, 2008

Wollte eigentlich einen Artikel über Evidenzbasiertes Management (EbM) schreiben, aber die Zeit fehlt (vielleicht später). Wegen der großen Relevanz des Themas (Management ist nicht mehr beliebig!) hier schon mal ein Ausschnitt aus dem Wiki zu einem Interview mit Jeffrey Pfeffer aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift OrganisationsEntwicklung:

Lit:Pfeffer2008a
Aus 4CforMedia
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Link: [[Lit:Pfeffer2008a|Pfeffer, Jeffrey (2008): Jeffrey Pfeffer über Evidenzbasiertes Management und OE. Ein Gespräch via E-Mail. In: OrganisationsEntwicklung, H. 1, S. 10–15.]]

LiteraturQuellen#Alphabetisch Bib
Inhaltsverzeichnis
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* 1 Relevanz
* 2 Inhalt
o 2.1 Valide Erkenntnisse im Unternehmen gewinnen
o 2.2 Auswege aus der wissenschaftlichen Misere
o 2.3 Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse
* 3 Zitate
* 4 gefunden in

[bearbeiten] Relevanz

* J. Pfeffer ist Professor of Organizational Behavior an der Stanford University, Graduate School of Business
* Pfeffer liefert konkrete, anwendbare Hinweise für die Praxis
* Argumentationshilfe beim Marketing für die Weiterbildung

Dennise Rousseau machte EbM zum Thema ihrer Antirttsrede als Präsidentin der US amerikanischen Academy of Management, der weltweit größten Vereinigung von Praktikern, Forschern und Lehrenden im Managementbereich. (Zitat aus Brodbeck, Felix C. (2008): Evidenzbasiertes (Veränderungs-) Management. Einführung und Überblick. In: OrganisationsEntwicklung, H. 1, S. 4–9. im selben Heft)

Das ganze läuft auf eine Art “Wissenschaft light” für Unternehmen hinaus - in den Ausbildungsleitfaden?

zur US-Army: Achtung, wer später über die Datenbasis verfügt, die wir alle zusammen tragen!

Kategorien:

* Evidenzbasiertes Management (EbM)
* Ausbildungsleitfaden

[bearbeiten] Inhalt

EbM bedeutet eine Änderung der Denkweise: Weg von der Erfahrung und hin zu wissenschaftlich belegten Fakten.

[bearbeiten] Valide Erkenntnisse im Unternehmen gewinnen

* Verifizierte Annahmen sind jedoch im Praxisalltag nicht leicht zu erstellen:
o die Analyse darf nicht zu viel Zeit kosten
o Die Erwartung prägt die Erkenntnis: wir sehen was wir sehen wollen
* Trotzdem gibt es keinen Ersatz für formale Rückblicke und Evaluationen

[bearbeiten] Auswege aus der wissenschaftlichen Misere

* Erfahrung muss nicht falsch sein
o siehe Qualitative Methoden
o systematische qualitative Beobachtungen sind ebenfalls wissenschaftliche Ergebnisse
* Belegen durch Peer-Review und Daten

[bearbeiten] Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse

* Zeit nehmen, um Vorgehensweisen zu verändern (siehe Brodbeck2008)
* spezifische Diagnose immer notwendig (”jeder Patient unterschiedlich”)
* Erkenntnisse sollten Teil des Datenspeichers der Organisation werden

conspire. transmediale 08

Sunday, February 3rd, 2008

Ich hab mal ein Interview mit einem DJ gelesen, den der Interviewer gefragt hat: Warum sind Top-DJs eigentlich immer mit Topmodels zusammen?
DJ: Warum leckt sich ein Hund an den Eiern? Antwort: weil er’s kann!
In diesem Sinne berichtet euch euer rasender Reporter achimbo.de heute live von der Transmediale, dem Medienereignis im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Einfach weil er’s kann.

Auch wenn das anfangs nicht ganz so einfach zu sein schien, wie es jetzt aussieht…
Aber vielleicht muss ich weiter vorne anfangen: Ich organisiere derzeit die zweite Phase von Studien mit virtuellen Teams, die jeweils eine Website für einen realen Kunden erstellen - Kollaboration nur über virtuelle Plattformen (CollabStudie2). Dazu haben wir mehrere OpenSource-Tools mit RSS zu einer übersichtlichen Oberfläche mit “latest changes” vernetzt, damit man einen einheitlichen Einstieg in die Arbeit findet. Und dann: der SuperGAU (größter anzunehmender Unfall) - Totalausfall der DSL-Verbindung zuhause und tagsüber: Weiterbildung und auch offline.

Geht gar nicht. Daher habe ich beschlossen, mir ein Funkmodem zu besorgen, das auch funktioniert. Es ist sogar allgegenwärtig: mit Fehlermeldungen der Nummer 623, sobald ich anfange, Webseiten aufzurufen. Na gut - vielleicht müssen wir da noch mal ran, technisch.

Als ich vorhin in der S-Bahn zur Transmediale 08 saß, kam es noch dicker: Er wollte die PIN. Ich also offline. Bei dem Medienereignis im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Ich habe natürlich meine Freundin angerufen - die PIN lag ja auf dem Sofa. Dass das nicht klappen würde, hätte man schon beim Losfahren wissen können. Sie telefonierte “mal kurz” mit einer guten Freundin. Nicht dass wir nicht diverse Telefone hätten, aber da zu unterbrechen ist schwierig - und das weniger aus technischen Gründen. Aber als bessere Hälfte eines gut eingespielten Teams beantwortet sie meinen Anrufbeantworter-Hilferuf natürlich direkt nach dem Auflegen.

Rechte Seite der Transmediale-Bühne im Auditorium im

Rechte Seite der Transmediale-Bühne im Auditorium im “Haus der Kulturen der Welt”.

Das war der Moment, in dem mir peinlich bewusst wurde, dass ich im Riesenauditorium der schwangeren Auster mein Handy nicht ausgeschaltet hatte. Machte aber nichts - die Mitglieder des Panels beantworteten mein gequältes Lächeln nachsichtig mit einem noch gequälteren Lächeln. Sie waren sowieso schon am Ende - und das in jeder Hinsicht.

Linke Seite des Podiums. Der Chat als Hauptredner.

Linke Seite des Transmediale-Podiums. Der Chat als Hauptredner.

Der Anruf wäre aber gar nicht nötig gewesen: auf der Transmediale gibt es (hätte man wissen können) flächendeckend lecker WLAN. Ach ja: die Transmediale. Also: eigentlich alles wie immer. Die gleiche Mischung aus interessierten Rentnern und internationaler Multimedia-Avantgarde, total interaktive Ausstellungsstücke und - jetzt neu - ganz viele Kommentare zum Thema Social Software. Wie war das noch? Es ist alles gesagt, aber noch nicht von allen.

Fotos der Hipsters united (wieder werri internäschnl) findet ihr gegen später auf meiner Ipernity-Seite. Muss leider noch kurz ein bisschen Sir Simon Rattle gucken: der lässt jetzt wieder die Puppen tanzen, weil es das letzte mal so gut angekommen ist. Bei uns zuhause ist nämlich die Kultur ausgebrochen neuerdings. Nächste Woche is Beethoven.

Ach doch: ein Highlight war noch. Ich hab Fiona kennen gelernt, die unterrichtet auch Projektmanagement in Medienprojekten - in Irland. Vielleicht ist die nächste CollabStudie dann international. Dann können die Studis sich nicht heimlich treffen - bisher habe ich so den Verdacht, dass es da nicht immer mit rein virtuellen Dingen zugeht.

Alle Bilder

Evolutionspsychologie

Wednesday, January 30th, 2008

Lange verpönt, aber in den letzten 40 Jahren als seriöses Paradigma in der Psychologie etabliert: die Evolutionspsychologie würdigt endlich auch beim Denken, dass wir vom Affen abstammen - eine heilige Kuh fällt tot um.

War neulich an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Wir hatten noch ein bisschen Zeit bis zum Meeting mit unseren Projektpartnern und nahmen die Bibliothek unter die Lupe. Und da machte ich eine Entdeckung: es gibt sie tatsächlich, die Evolutionspsychologie.

Vor kurzem hatte ich noch in einem Seminar eine Folie gebastelt, auf der ein paar durch die Savanne schlendernde Homo habilis (oder besser Homines habilis?) abgebildet waren und daneben eine Serie von Gehirnen – vom Insekt und Lurch über das (in dieser Hinsicht sehr gut erforschte) Geflügelhirn, über Säugetiere hin zum Mensch. Ich wollte illustrieren, dass man im Projektmanagement manche gruppendynamischen Prozesse nur erklären kann, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der liebe Gott unser Gehirn für Jäger und Sammler gemacht hat. Selbstverständlich habe ich erwähnt, dass ich dafür – quellentechnisch – nur über Literatur aus den Achzigern verfüge, die seinerzeit auch nicht ganz unumstritten war: Hoimar von Ditfurths „Der Geist fiel nicht vom Himmel“. Bevor ich die Folien zum Download auf den Server gelegt habe, habe ich die Folie dann auch verschämt wieder entfernt.

Vielleicht erklärt das meinen Freuden-Kiekser bei der Entdeckung des Artikels in der Zeitschrift für Medienpsychologie. Frank Schwab weist darin anhand von Quellen nach, dass sich in den letzten vierzig Jahren ein Trend in der psychologischen Forschung nachweisen lässt: weg von der Psyche als hierarchielose, geschlechtsneutrale Tabula Rasa - also der Soll-Beschreibung des politisch korrekten Menschenbildes.

Der Kernsatz lautet: Der “Kampf ums Überleben [bedeutet] keineswegs eine Natur als blutiges Schlachtfeld. Gegen dieses Bild sprach sich schon Darwin aus.” (Schwab 2007, S. 141)

Jetzt ist es also amtlich: auch unser Gehirn stammt vom Affen ab. Willkommen, Wissenschaft, an diesem Punkt. Und: schön, dass man darüber jetzt tabulos darüber schreiben und eindrucksvolle, einleuchtende und sehr, sehr zielführende Bilder an die Wand werfen darf, ohne sich dafür zu schämen. Gerade gruppendynamische Prozesse (und um die geht es im projektmanagement häufig) lassen sich einfach ohne diesen Hintergrund nur schwer erklären. Und wenn man sie nicht versteht und einordnen kann, kann man auch nicht vernünftig damit umgehen.

Literatur: Schwab, Frank (2007): Evolutionäres Denken: Missverständnisse, Trugschlüsse und Richtigstellungen. In: Zeitschrift für Medienpsychologie, Jg. 19, H. 4, S. 140–144.

Blogging für die Wissenschaft?

Friday, March 2nd, 2007

Der Unterschied zwischen einem Blog und einer wissenschaftlichen Veröffentlichung besteht unter anderem darin, dass ein Blog eher ein Tagebuch dessen darstellt, was in der Usability-Forschung (wenn auch mit anderen Zielen) als „Thinking Loud“, als Methode des lauten Denkens bezeichnet wird. Das impliziert, dass es hier erlaubt ist, unreife Hypothesen auszuspinnen, die in wissenschaftlichen Veröffentlichungen schon etwas fundierter dargelegt werden sollten.

Schnell und vorläufig
Auch wissenschaftliche Papers haben – siehe Poppers kritischer Realismus – keinen Anspruch auf Endgültigkeit (über ihnen hängt lebenslänglich das Damoklesschwert der Falsifikation). Insbesondere in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die auf empirischer Forschung aufbauen müssen, kann also von Endgültigkeit keine Rede sein.
Trotzdem haben Blogs eine andere Qualität: sie können dazu dienen, die wirren Gedankengänge widerzugeben, die erst zu einer Hypothese führen sollen. Mit der Lektüre eines Blogs bekommt man also eine Historie der Gedanken - ähnlich den Darstellungen in Case Studies, wo die Situation der Unwissenheit zum Ausgangspunkt gemacht wird und dann beschrieben wird, wie sich langsam Ergebnisse herauskristallisieren. Und sie können ein frühes Feedback - und damit ein kollaboratives Forschen - ermöglichen.

Action Research
In den schnelllebigen Bereichen der Wirtschaftswissenschaften – insbesondere dort, wo der Einfluss einer sich rasant entwickelnden Technologie eine Rolle spielt – können Blogs daher wissenschaftliche Überlegungen bereits verbreiten, bevor langwierige empirische Untersuchungen abgeschlossen sind. In diesem Sinne sind auch die wissenschaftlichen Methoden bereits dabei sich zu verändern. So sprechen etwa Probst und Romhardt in Bausteine des Wissensmanagements - ein praxisorientierter Ansatz von „Action Research“, einem Ansatz, bei dem die klassische Reihenfolge von Hypothesenbildung und ihrer Untermauerung durch Versuche umgedreht wird:

Für die Wirtschaftsinformatik hat sich deshalb ein auf Prototypen und Fallstudien baisertes Vorgehen etabliert, das schließlich auch im anglo-amerikanischen Raum als recht verbreitete Form des „Action Research“ umgesetzt werden kann. Dazu wird zunächst eine gemeinsam von Praxis und Wissenschaft definierte Problemstellung strukturiert, um danach vor dem theoretischen und praktischen Erfahrungshintergrund Vorschläge zu entwickeln, wie die betriebliche Wirklichkeit zu gestalten ist. Durch die Umsetzung dieser Gestaltungsempfehlungen in der Praxis können diese Vorschläge überprüft und die dahinter liegende Theorie verfeinert und angepasst werden [vgl. Österle et al. 1999, 35ff]. Dieses Vorgehen impliziert immer auch die Forderung nach der Bildung oder Fundierung von Theorien.

(Quelle: Probst, G.J.B. & Romhardt, K., 1997)

Design Research
Auch Marktforschung und Usabilityuntersuchungen werden unter dem Gesichtspunkt der Geschwindigkeit effektiver, wenn unter dem Begriff „Design Research“ (Einführung ins Thema Design Research, engl.) Zielgruppenpräferenzen neuerdings eher an Personas (siehe z.B. Brenda Laurel Interview Design Research, engl.) festgemacht werden als an langwierigen und aufwendigen Millieustudien. Auch wenn ein wissenschaftliches „Time-to-Market“ hier nicht das Ziel war, sondern eher die Feststellung, dass die klassische Einteilung soziodemografische Zielgruppen vielleicht nicht mehr ganz zutreffend ist (wie wir das in Bode, J.; König, A.: “Vernetzte Medienproduktionen im Wandel”, in: Lippert, Werner (Hrsg.): Annual Multimedia 2007, S. 44-54; Walhalla Fachverlag, Regensburg) kurz angerissen haben, könnte dieser Ansatz zu einer weniger aufwändigen Forschung, schneller gefassten Hypothesen und damit einer schnelleren Diskussion von Zwischenergebnissen führen.

Man beachte allerdings, dass die Vertreter beider Ansätze (Action Research und Design Research) hervorheben, dass die dadurch gewonnen Hypothesen anschließend durch wissenschaftliche Untersuchungen und Ausarbeitungen untermauert und belegt werden müssen.

Beratungs- und Trendforschungsunternehmen
Ein weiteres Beispiel ist die Durchführung von sowohl qualitativen als auch vor allem quantitativen Umfragen durch Beratungs- und Trendforschungsunternehmen: Über meinen iBusiness-Account erfahre ich in unserem Bereich der Multimedia-Agenturen deutlich schneller über relevantes Zahlenmaterial als durch wissenschaftliche Veröffentlichungen. Auch hier kann man sich über die statistische Signifikanz der Stichprobe für die untersuchte Population streiten (vgl. Bortz, J.; Döring, N.: Forschungsmethoden und Evaluation: für Human- und Sozialwissenschaftler, 3. überarb. Aufl., Springer-Verlag Berlin Heidelberg New York 2002). Zur Gewinnung erster Hypothesen können sie jedoch – im Vergleich zu den klassischen, selbst angestellten Erhebungen – zu enormen Steigerungen der Geschwindigkeit führen.

Öffentliches Peer-Reviewing
In diesem Sinne haben auch die renommierten wissenschaftlichen Publikationsorgane begonnen, sich mit den neuen Methoden auseinander zu setzen und erste Versuch unternommen, den Peer-Reviewing-Prozess öffentlich zu machen und ins Netz zu übertragen:

“We’re not convinced that peer review has to be changed,” said Linda Miller, Nature’s executive editor. “But just because peer review has always been done a certain way doesn’t mean that it’s the best way to select manuscripts.”

(Quelle: Fallik, Dawn: Casting wide net for peers’ review - Some academic journals are replacing the secret-evaluation part of the process with online critiques for research authors, Blog des Philadelphia Inquiror vom 20.10.2006)

Blogs als Vorstufe
Hier soll keiner unwissenschaftlichen Forschung das Wort geredet werden. Aber die Zunahme der Geschwindigkeit bei der Hypothesenbildung und die schnellere Veröffentlichung und damit Diskussion von Annahmen durch Blogs können doch zu einer neuen Qualität wissenschaftlicher Forschung beitragen. In diesem Sinne bitte ich auch die hier veröffentlichten „Knowlets“ – kleiner Abrisse von täglichen Gedanken, die teilweise nicht weiterverfolgt werden können – zu betrachten.

Im systemtheoretischen Wissenschaftsbegriff von Luhmann müsste man Einträge in Blogs also wohl eher der Umwelt des wissenschaftlichen Systems zuordnen. Sie sind Teil der gesellschaftlichen, nicht der wissenschaftlichen Kommunikation und bestenfalls eine Vorstufe zur wissenschaftlichen Erkenntnis und können als solche (aber das eben schneller) Irritationen im wissenschaftlichen System hervorrufen. Im Luhmannschen Sinne anschlussfähig für wissenschaftliche Operationen können sie nicht sein (vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1992).

Blogs geben also teilweise unausgegorene Ideen und Entwürfe wider, auch dieser. Daher mein Disclaimer: Die Ziehung der Bloggozahlen auch in diesem Blog - wie immer ohne Gewähr.

Web-2.0-Tools in der Agentur: Virtuelle Projektteams durch Social Software

Monday, February 26th, 2007

Wir testen in unserem Forschungsprojekt 4CforMedia derzeit den Einsatz von Social Software in Medienprojekten – speziell Online-Projekten – an der TFH Berlin und der HdM Stuttgart. In der Lehre und bei der Zusammenarbeit im Forschungsteam setzen wir bereits solche Tools ein.

Für April ist ein Versuch unter realistischen Bedingungen (mit realem Kunden) an der TFH geplant, der uns Aufschlüsse darüber geben soll, ob sich die Tools auch bei konkreten Online-Projekten bewähren. Danach müssen sie in der Praxis in Agenturen getestet werden.

Dazu haben wir in qualitativen Interviews mit großen deutschen Multimedia-Agenturen herausgefunden, dass viele in dieser Richtung bereits einige Versuche unternommen haben (Bedarf scheint also zu bestehen). Diese Versuche sind jedoch meist fehlgeschlagen, weil sie immer dann unternommen wurden, wenn Projekte ohnehin gerade ins Trudeln geraten waren und unter diesem Druck die technischen Probleme nicht bewältigt werden konnten. Darüber hinaus gibt es Untersuchungen, die die Unternehmenskultur für solche Fehlschläge verantwortlich machen.

CEO: Die Jüngeren kennen keine Grenzen beim Teilen von Informationen

Saturday, November 11th, 2006

Nach einer aktuellen Umfrage des Beratungshauses PricewaterhouseCoopers (PWC) unter 153 Entscheidern glauben 83 Prozent der Umfrageteilnehmer, dass technisches Wissen gepaart mit kreativem und kollaborativem Denken auszusterben droht. Die Suche nach kreativen IT-Mitarbeitern gestalte sich schwierig. 55 Prozent gaben an, dass mathematische, wissenschaftliche und technische Talente in Indien und China heute leichter zu bekommen sind als im “Westen”. (Zitiert nach: Firmen suchen händeringend IT-Manager mit Ideen)

Im Studiengang Druck- und Medientechnik an der Technischen Fachhochschule in Berlin (TFH Berlin) versuchen wir daher, die Studierenden so umfassend wie möglich mit den neuen Technologien vertraut zu machen: von kollaborativem Tagging auf del.ici.us über Wikis bis zum virtuellen Studiengang auf Basis der Plattform Adobe/Macromedia Breeze. Denn nur wer viele Möglichkeiten kennt, kann diese auf neue und ungewohnte Weise miteinander verknüpfen. Und für wen die Zusammenarbeit über das Internet tägliche Normalität ist, der kann auch in Unternehmen erreichen, dass sie von der Effektivität der kollaborativen Intelligenz profitieren. Grundlage für die Zusammenarbeit in den meisten Fächern ist auch die eLearning- und Kollaborationsplattform Moodle, deren Vorteile hier gerade nochmal dargelegt wurden. Laut einem Interview von Steve Hargadon entstand die OpenSource-Plattform aus den frühen Erfahrungen mit Remote-Lernen des “Creator of Moodle”, Martin Dougiamas in der australischen Einöde.

Nicht alle teilen denn auch PWC’s Zukunfts-Skeptizismus in Bezug auf das Abendland. So meint Robert Ashe, CEO des Business-Intelligence-Anbieters Cognos über seine Kunden:

“Heute ist die Belegschaft aber in der Lage, IT-Anwendungen zu schätzen. Ich würde die Mehrheit von ihnen, gerade die Jüngeren, sogar als absolute IT-Kenner bezeichnen, die Informationen zu jeder Zeit an jedem Ort und aus jedem Gerät heraus erwarten”, sagte der Manager. Sie kennen ihm zufolge keine Grenzen und Schranken, wenn es darum geht Informationen zu lesen und zu teilen. Sie wachsen damit auf.

Quelle: “Cognos erweitert BI-Suite für die Westentasche”.
Im selben Artikel sieht Ashe auch das Verhältnis von Westen und Osten ganz anders als die oben zitierte Studie:

“Japan und China sind in der Akzeptanzkurve noch sehr am Anfang.” Er schiebt das auf die konsensorientierte Unternehmenskultur und die geschlossene Arbeitsweise mit Informationen. “BI erfordert das Teilen von Informationen”, riss er die Fragen in diesem Markt kurz an. Wiederum ganz anders gehe es in den USA zu, wo der IT-Leiter angehalten wird, Best of Breed einzukaufen. Begeistert zeigte er sich von Nordeuropa - die offene Arbeitskultur dort bezeichnete er als sehr BI-freundlich. “So offen wünschen wir uns unsere Kunden”, sagte Rob Ashe.

Na also. Noch nicht aller Tage Abend.

OpenLaszlo mehrkanalfähig: LZX-Format jetzt auch als AJAX exportierbar

Saturday, November 4th, 2006

Laszlo Systems ist im Jahr 2000 mit der Idee angetreten, internetfähige Softwareoberflächen mit guter Usability in einer XML-Sprache zu beschreiben, mit der man anschließend nicht nur eine Art von Oberfläche erzeugen kann (wie z.B. Flash), sondern die man für unterschiedliche Systeme gleichzeitig verwenden kann: einmal erstellen - in mehreren Ausgabeformaten benutzen (Desktop-Oberflächen, Flash-Player, Browser).
Diese großartige Idee krankte damals daran, dass Flash das einzige internetfähige Ausgabeformat war, das eine für Softwareoberflächen ausreichende Usability erlaubte. Auch wenn es immer noch das performanteste für diese Zwecke ist, hat AJAX mittlerweile stark aufgeholt. Die Zeit war reif für “Projekt OpenLaszlo Legals”, bei dem Laszlo zu einer echten “multi-runtime platform” ausgebaut wird. Auch wenn bisher schon hervorragende Anwendungen auf Basis dieser Technologie erstellt wurden, war dieser Schritt überfällig: Mit dem proprietären Flash als einzigem Ausgabeformat drohte die OpenSource-Plattform OpenLaszlo in der OpenSource-Szene an Glaubwürdigkeit (”Street Credibility”) zu verlieren.

Während das “alte” OpenLaszlo-Format “nur” SWF-Dateien für die Flash-Player der Versionen 6, 7 und 8 exportieren konnte, wird Laszlo Legals auch auf Flash-Player 9 und in DHTML (Dynamic HTML bzw. Ajax) exportieren können. Laut Projektplan soll Laszlo Legal im ersten Quartal 2007 voll einsatzfähig sein.
Einige beeindruckende Beispiele finden sich bereits auf den Laszlo-Demo-Seiten, die ohnehin immer eine Reise wert sind. Achten Sie auf die zwei Links “Launch Flash Application | Launch DHTML Application” hinter den ersten Beispielanwendungen und vergleichen Sie die Ergebnisse!

Die Laszlo-Demos sind auch für ein anderes Einsatzgebiet sehr interessant: wenn Sie unterrichten und jemandem den Sinn von XML erklären wollen, können Sie über den Link “View Source” den dazugehörigen Code anzeigen. Im nächsten Schritt kann man über den Laszlo Explorer (”Interactive Language Overview”) gemeinsam ausprobieren, wie der Code zu verschiedenen anschaulichen Beispiel-Anwendungen aussieht. Und was noch besser ist: man kann den Code im Scripting-Fenster verändern, auf “Update” klicken - und im rechten Fenster wird sofort das Resultat sichtbar. Ein anschaulicheres Beispiel für den Einsatz von XML-Formaten ist derzeit schwer zu finden. Viel Spaß!