Tags sind eine geniale Erfindung und ein nicht weg zu denkender Baustein des Web 2.0. Lange Zeit wurde ihr Potenzial aber gar nicht ausgeschöpft. Sowohl freie Webdienste wie delicious (del.icio.us) als auch kommerziell-geschlossene wie iBusiness sammelten zwar Tags. Artikel und Links konnten jedoch nur per Klick auf ein einziges Stichwort erreicht werden. Seine volle Wirkung entfaltet das Tagging jedoch nur, wenn die Tags in Kombination genutzt werden können: Ein Tag ist Silber - viele Tags kombiniert sind Platin, ganz klar!
Mittlerweile ist das glücklicherweise der Fall. Als das Update auf den neuen Firefox 3.0.1 mich neulich zwang, von meiner alten Button-Leiste auf die Firefox-Extension Delicious Bookmarks 2.0.95 umzusteigen, machte ich die erstaunliche Entdeckung, dass mein Traum längst in Erfüllung gegangen war. Nur eben in einer anderen Extension - delicious bietet mehrere an! In einer Sidebar kann man hier ein Stichwort anklicken und bekommt eine Reihe von verwandten Begriffen angezeigt. Bei Klick auf einen dieser Wörter erhält man die Seiten, die diese Kombination enthalten.
Diese “Erfindung” erinnert ein wenig an die “Abteilung Informations-Wiederbeschaffung” in dem genailen Retro-Thriller Brasil, denn eigentlich gab es diesen Service bereits auf einer der ersten Suchmaschinen, zu Zeiten von Lycos, HotBot und Altavista - ich habe leider vergessen, welche es war.
Damit wären wir schon bei zwei Tags. Meiner Ansicht nach könnte man das noch toppen - möglicherweise (wer hätte das gedacht) mit drei und mehr…
Ähnliche Fuktionen bietet iBusiness seit einiger Zeit. Hier gibt es neben der Tag-Suche einen Button “Verknüpfen”, über den man sich eine Tag-Cloud anzeigen lassen und die Auswahl durch weitere Tags eingrenzen kann. Seitdem nutze ich den Webdienst so, wie man einen Webdienst nutzen sollte: ich lese ihn nicht wie eine Zeitung, sondern suche - oder besser: finde - gezielt Meldungen zu dem Thema, mit dem ich mich gerade beschäftige.
Zum Thema Zeitung versus Web 2.0 habe ich übrigens gerade eine schöne Stelle in Clay Shirkys Buch Here comes everybody wiedergefunden:
“The Web didn’t itroduce a new competitor into the old ecosystem [...]. The Web created a new ecosystem [...]. We’ve long regarded the newspaper as a sensible object because it has been such a stable one, but there isn’t any logical connection among its many elements: stories from Iraq, box scores from the baseball game, and ads for everything from shoes to real estate all exist side by side in an idiosyncratic bundle. What holds a newspaper together is primarily the cost of paper, ink, and distribution. A newspaper is whatever group of printed items a publisher can bundle together and deliver profitably.” (S.60)
Schöner kann man es kaum zusammenfassen, wenn man den Unterschied zum Web herausarbeiten will, daher versuche ich es gar nicht erst.
Aber zurück zu den Tag-Kombinationen: der nächste logische Schritt wären eine Art Pakete aus Stichworten, die bestimmte Themenkreise beschreiben, für die ich noch keinen eigenen Begriff gebildet habe (”The difference that makes a difference”, um es mit einem von Luhmanns Systemtheoretikern zu sagen). Dieses “semantische Bündel” vermisse ich bisher noch.
Literatur:
- Shirky, Clay (2008): Here comes everybody. How digital networks transform our ability to gather and cooperate. New York: Penguin Press.