Archive for the ‘Uncategorized’ Category

Befraute Raumfahrt

Sunday, February 17th, 2008

Wir wissen nicht genau, was sie genommen hatte. Es muss irgendwie anregend gewesen sein.

Aber erst mal zum Konzert: Mouse on Mars wieder mal in Hochform. Tim hatte mich vorher gewarnt: Mittlerweile machen sie eher Geräusche, war glaube ich die Kernaussage. Das letzte Mouse-on-Mars-Konzert, das wir vor Jahren im Columbia Fritz gesehen hatten, war denn auch noch vergleichsweise melodisch gewesen. Damals waren zwei DJs als Vorgruppe aufgetreten. Auch irgendwas Namhaftes. Als Mouse on Mars auf die Bühne kamen, teilten sie dem Publikum als erstes mit, dass sie erstaunt seien, mit welcher Gelassenheit das Berliner Publikum diese hochkarätigen MXe über sich ergehen lassen habe und deuteten an, dass sie nach einem Lied die Bühne verlassen würden, wenn die Zuhörer weiter kiffend auf dem Betonboden sitzen bleiben würden. Das Berliner Publikum hatte sich gnädig erhoben und es wurde ein gutes Konzert.

Mouse on Mars on Stage

Mouse on Stage

Diesmal - akademischer und in der Akademie der Künste - vergleichsweise symphonisch. Grandioses Klavier zum Einstieg. Spätestens beim Einsatz des Schlagzeugs konnte man die Geräusche wieder guten Gewissens als Musik bezeichnen. Wenn auch nicht die Sorte, die man als Hintergrundmusik zum Arbeiten hört.

Über die junge Dame, die bereits vor Beginn des Konzertes das Publikum mit spitzen Schreien beglückte, herrschte allgemein geteilte Meinung. Einige fanden den Auftritt anmaßend. Meiner persönlichen Meinung nach fügte sich der Auftritt ganz gut ins Bild. Ihre gelegentlichen spitzen Schreie waren weit weniger irritierend als die elektronischen Tonsignale, die bereits vor dem Auftritt begonnen hatten und die arythmisch und atonal das erste Klaviersolo durchzogen. Nach diversen tänzerischen Einlagen auf einer Art Treppengeländer neben den Stuhlreihen brüllte irgendjemand “Geh doch auf die Bühne!”

Alien auf roter Erde: die Weltraumtouristin bei Mouse on Mars

Alien auf roter Erde: die Weltraumtouristin bei Mouse on Mars

Sie: “Darf ich?” Die Zwischenrufe ergaben kein eindeutiges Meinungsbild, aber das hätte sie sowieso nicht aufgehalten. Als sie direkt am rechten Bühnenrand verschwand, dachte man schon, Madame würde kneifen, wurde aber sofort von einer Art Schattenspiel eines besseren belehrt. Kurze Zeit später fing sie an, auf der Bühne Räder zu schlagen. Spätestens der Einsatz als zweite Stimme beim Schlagzeug hätte zum Eklat führen können. Die Marsmäuse ließen sich aber in keinster Weise aus der Ruhe bringen. Experiment auf der ganzen Linie.

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Mouse on Mars - immer wieder gerne. Nur eben nicht als Hintergrundmusik. Und die Weltraumtouristin wäre gar nicht nötig gewesen. Die Musik war auch anregend. Vor allem das letzte Stück.

Blogging für die Wissenschaft?

Friday, March 2nd, 2007

Der Unterschied zwischen einem Blog und einer wissenschaftlichen Veröffentlichung besteht unter anderem darin, dass ein Blog eher ein Tagebuch dessen darstellt, was in der Usability-Forschung (wenn auch mit anderen Zielen) als „Thinking Loud“, als Methode des lauten Denkens bezeichnet wird. Das impliziert, dass es hier erlaubt ist, unreife Hypothesen auszuspinnen, die in wissenschaftlichen Veröffentlichungen schon etwas fundierter dargelegt werden sollten.

Schnell und vorläufig
Auch wissenschaftliche Papers haben – siehe Poppers kritischer Realismus – keinen Anspruch auf Endgültigkeit (über ihnen hängt lebenslänglich das Damoklesschwert der Falsifikation). Insbesondere in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die auf empirischer Forschung aufbauen müssen, kann also von Endgültigkeit keine Rede sein.
Trotzdem haben Blogs eine andere Qualität: sie können dazu dienen, die wirren Gedankengänge widerzugeben, die erst zu einer Hypothese führen sollen. Mit der Lektüre eines Blogs bekommt man also eine Historie der Gedanken - ähnlich den Darstellungen in Case Studies, wo die Situation der Unwissenheit zum Ausgangspunkt gemacht wird und dann beschrieben wird, wie sich langsam Ergebnisse herauskristallisieren. Und sie können ein frühes Feedback - und damit ein kollaboratives Forschen - ermöglichen.

Action Research
In den schnelllebigen Bereichen der Wirtschaftswissenschaften – insbesondere dort, wo der Einfluss einer sich rasant entwickelnden Technologie eine Rolle spielt – können Blogs daher wissenschaftliche Überlegungen bereits verbreiten, bevor langwierige empirische Untersuchungen abgeschlossen sind. In diesem Sinne sind auch die wissenschaftlichen Methoden bereits dabei sich zu verändern. So sprechen etwa Probst und Romhardt in Bausteine des Wissensmanagements - ein praxisorientierter Ansatz von „Action Research“, einem Ansatz, bei dem die klassische Reihenfolge von Hypothesenbildung und ihrer Untermauerung durch Versuche umgedreht wird:

Für die Wirtschaftsinformatik hat sich deshalb ein auf Prototypen und Fallstudien baisertes Vorgehen etabliert, das schließlich auch im anglo-amerikanischen Raum als recht verbreitete Form des „Action Research“ umgesetzt werden kann. Dazu wird zunächst eine gemeinsam von Praxis und Wissenschaft definierte Problemstellung strukturiert, um danach vor dem theoretischen und praktischen Erfahrungshintergrund Vorschläge zu entwickeln, wie die betriebliche Wirklichkeit zu gestalten ist. Durch die Umsetzung dieser Gestaltungsempfehlungen in der Praxis können diese Vorschläge überprüft und die dahinter liegende Theorie verfeinert und angepasst werden [vgl. Österle et al. 1999, 35ff]. Dieses Vorgehen impliziert immer auch die Forderung nach der Bildung oder Fundierung von Theorien.

(Quelle: Probst, G.J.B. & Romhardt, K., 1997)

Design Research
Auch Marktforschung und Usabilityuntersuchungen werden unter dem Gesichtspunkt der Geschwindigkeit effektiver, wenn unter dem Begriff „Design Research“ (Einführung ins Thema Design Research, engl.) Zielgruppenpräferenzen neuerdings eher an Personas (siehe z.B. Brenda Laurel Interview Design Research, engl.) festgemacht werden als an langwierigen und aufwendigen Millieustudien. Auch wenn ein wissenschaftliches „Time-to-Market“ hier nicht das Ziel war, sondern eher die Feststellung, dass die klassische Einteilung soziodemografische Zielgruppen vielleicht nicht mehr ganz zutreffend ist (wie wir das in Bode, J.; König, A.: “Vernetzte Medienproduktionen im Wandel”, in: Lippert, Werner (Hrsg.): Annual Multimedia 2007, S. 44-54; Walhalla Fachverlag, Regensburg) kurz angerissen haben, könnte dieser Ansatz zu einer weniger aufwändigen Forschung, schneller gefassten Hypothesen und damit einer schnelleren Diskussion von Zwischenergebnissen führen.

Man beachte allerdings, dass die Vertreter beider Ansätze (Action Research und Design Research) hervorheben, dass die dadurch gewonnen Hypothesen anschließend durch wissenschaftliche Untersuchungen und Ausarbeitungen untermauert und belegt werden müssen.

Beratungs- und Trendforschungsunternehmen
Ein weiteres Beispiel ist die Durchführung von sowohl qualitativen als auch vor allem quantitativen Umfragen durch Beratungs- und Trendforschungsunternehmen: Über meinen iBusiness-Account erfahre ich in unserem Bereich der Multimedia-Agenturen deutlich schneller über relevantes Zahlenmaterial als durch wissenschaftliche Veröffentlichungen. Auch hier kann man sich über die statistische Signifikanz der Stichprobe für die untersuchte Population streiten (vgl. Bortz, J.; Döring, N.: Forschungsmethoden und Evaluation: für Human- und Sozialwissenschaftler, 3. überarb. Aufl., Springer-Verlag Berlin Heidelberg New York 2002). Zur Gewinnung erster Hypothesen können sie jedoch – im Vergleich zu den klassischen, selbst angestellten Erhebungen – zu enormen Steigerungen der Geschwindigkeit führen.

Öffentliches Peer-Reviewing
In diesem Sinne haben auch die renommierten wissenschaftlichen Publikationsorgane begonnen, sich mit den neuen Methoden auseinander zu setzen und erste Versuch unternommen, den Peer-Reviewing-Prozess öffentlich zu machen und ins Netz zu übertragen:

“We’re not convinced that peer review has to be changed,” said Linda Miller, Nature’s executive editor. “But just because peer review has always been done a certain way doesn’t mean that it’s the best way to select manuscripts.”

(Quelle: Fallik, Dawn: Casting wide net for peers’ review - Some academic journals are replacing the secret-evaluation part of the process with online critiques for research authors, Blog des Philadelphia Inquiror vom 20.10.2006)

Blogs als Vorstufe
Hier soll keiner unwissenschaftlichen Forschung das Wort geredet werden. Aber die Zunahme der Geschwindigkeit bei der Hypothesenbildung und die schnellere Veröffentlichung und damit Diskussion von Annahmen durch Blogs können doch zu einer neuen Qualität wissenschaftlicher Forschung beitragen. In diesem Sinne bitte ich auch die hier veröffentlichten „Knowlets“ – kleiner Abrisse von täglichen Gedanken, die teilweise nicht weiterverfolgt werden können – zu betrachten.

Im systemtheoretischen Wissenschaftsbegriff von Luhmann müsste man Einträge in Blogs also wohl eher der Umwelt des wissenschaftlichen Systems zuordnen. Sie sind Teil der gesellschaftlichen, nicht der wissenschaftlichen Kommunikation und bestenfalls eine Vorstufe zur wissenschaftlichen Erkenntnis und können als solche (aber das eben schneller) Irritationen im wissenschaftlichen System hervorrufen. Im Luhmannschen Sinne anschlussfähig für wissenschaftliche Operationen können sie nicht sein (vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1992).

Blogs geben also teilweise unausgegorene Ideen und Entwürfe wider, auch dieser. Daher mein Disclaimer: Die Ziehung der Bloggozahlen auch in diesem Blog - wie immer ohne Gewähr.

Artikel im Annual 2007

Monday, February 19th, 2007

Vor kurzem ist im Annual Multimedia Jahrbuch 2007 wieder ein Artikel von uns erschienen. Letztes Jahr war das Thema vor allem der technische Fortschritt: “Rich Clients” prognostiziert eine wachsende Zahl von Rich-Client-Seiten im Netz und mehr Interaktivität.
“Vernetzte Medienproduktionen im Wandel” stellen wir eine Reihe von Thesen auf, wie sich die Strukturen bei der Erstellung von Online-Projekten unter dieser und anderen Bedingungen wandeln könnten.

BPM in privaten Anwendungsbereichen?

Sunday, November 12th, 2006

Idee:
vielleicht werden Geschäftsprozess-Management und –Monitoring sich auf die private Nutzung (Aufgabenverwaltung, Ablauf von Standard-Abläufen, etwa bei DM-Bildverarbeitungen) auswirken bzw. auswirken wie die Rationalisierung von Arbeitsabläufen durch Ford auf die Frankfurter Küche…

Hype - Trend - Tendenz

Saturday, November 4th, 2006

Das Haus der Zukunft ist aus Kieselsteinchen gemauert. Sie sind winzig und man übersieht sie leicht. Erst wenn drei, zehn, zwanzig oder hundert eine Reihe bilden, zeichnet sich eine Linie ab. Mit viel Glück wird sie von jemandem erkannt. Der ruft einen Trend aus und die Wissenschaft stürzt sich darauf und entwickelt Visionen. Plötzlich ist alles nur noch „Tele“ die ganze Welt ist „Chaos“ und „Netzwerk“ oder „cutomer driven“.
Nur eben immer hübsch eins nach dem anderen: eine zeitlang ist sie nur telematisch und es werden Visionen verkündet, in denen zwei Menschen niemals mehr direkt und per Schallwelle miteinander kommunizieren werden. Ein paar Jahre später ist alles so dermaßen kundengetrieben, dass kein Unternehmer mit Ideen, keine Werbung und kein Produkt von der Stange mehr eine Existenzberechtigung haben. Wenn alle das Thema satt haben ist plötzlich alles wieder Netzwerk, der neue „Hype“, und unsere Trends von gestern sind nur Schall und Rauch.
Zum Glück leben wir in einer heterogenen Gesellschaft, zu der außer Visionären auch Pragmatiker gehören. Die räumen anschließend die Zukunftsbaustelle wieder auf. Es ist auch nicht schwer, sehr eindrücklich zu belegen, dass es immer noch Menschen gibt, die sich von Angesicht zu Angesicht unterhalten oder Firmen, die in ganz normalen Abteilungen wie eh und jeh ihre Arbeit verrichten. War also alles nur ein Hype. Da lagen eben ein paar Kieselsteine nebeneinander und die Hohepriester der Moderne haben deswegen gleich das große Kaffeesatzlesen veranstaltet.
Als intelligente Menschen können wir diese Argumentation nachvollziehen. Eigentlich haben wir es immer schon gewußt: alles bleibt wie es war und wir können gemütlich weiter wursteln. Umdenken nicht erforderlich, Gott sei`s gedankt.
Trotzdem: die Zukunft wächst vor unseren Augen. Und nur weil jede Linie in einer anderen Richtung verläuft, ist sie trotzdem noch vorhanden – auch wenn jemand eine neue entdeckt. Rein nach den Regeln der Statik, denen Gebäude nun einmal folgen müssen, ist es sogar zwingend erforderlich, dass es nicht nur eine Richtung gibt: ohne Stützen beziehungsweise Mauern in andere Richtungen wird das Ganze eine reichlich wackelige Angelegenheit.
Mit „Tele“ war das so. Als wir 1998 eine Architektursimulation erstellten und dabei ausschließlich über Videoconferencing zusammen arbeiteten, wurden wir von Silicon Graphics (SGI) gesponsort. Anders wäre es gar nicht möglich gewesen: Diese Workstations waren damals die einzigen Rechner, die serienmäßig mit Videokameras, Mikros und der entsprechenden Software ausgerüstet waren. Die Pragmatiker, die damals anmerkten, dass man so nicht zusammen arbeiten kann, behielten insofern Recht, als wir heute auch räumlich gerne wieder zusammen sitzen. Trotzdem ist aus ein paar Kieselsteinchen bereits ein solides Mäuerchen geworden: Kamera und Skype gehören heute zu einer soliden Wohnzimmereinrichtung wie die Ledergarnitur, und die Audio-, Chat- oder Videokommunikation ist in vielen Kreisen weitgehend massenkompatibel geworden.

Diesen Mauern beim Wachsen zuzusehen kostet mehr Geduld, als das Gras wachsen zu hören. Sehen wir uns also einige der Mäuerchen aus den letzten Jahren an und behalten im Hinterkopf, dass es sich dabei um sehr, sehr langsame Prozesse handelt. Zwei branchenübergreifend immer wieder gern diskutierte Wände sind Web 2.0 (was immer man darunter genau versteht) und Customer Relationship Management. Wer hatte noch diesen netten Spruch über Jesus gebracht? Da kam einer nach jahrelanger Gewalt und sagte, dass es vielleicht ganz nett wäre, wenn die Leute einfach mal wieder nett zueinander wären. Und wurde ans Kreuz genagelt.
Die Mauern CRM und Web 2.0 laufen in die selbe Richtung. Nach jahrelanger Werbe-Belullung und Bevormundung kam jemand auf den Gedanken, den Kunden zu fragen, was er eigentlich gerne hätte und wie er das vorhandene Angebot so findet. Glücklicherweise ist nicht bekannt, was sie mit dem gemacht haben. Vermutlich ist er kurz nach Abklingen des Hypes von Pragmatikern gesteinigt worden.
Sicher: es gibt noch (sehr erfolgreiche) Firmen, die sich ihre Produkte selbst ausdenken. Es gibt auch noch Zeitungen und Kritiker, kommerzielle Websites und die Stiftung Warentest. Offensichtlich haben diese aber die Bedürfnisse der Selbstbestimmung und des Vertrauens nur unzureichend gedeckt – was ihnen nicht die Daseinsberechtigung abspricht, im Gegenteil. Aber es gab Lücken, die mit anderen Kieseln gestopft wurden. Etwa mit Blogs, Foren und Rankings. Oder mit Kundenbefragungen und einem Kundendienst, der die eine oder andere Kritik des Kunden auch mal an die Geschäftsleitung weiter leitet.

(to be continued…)