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Hikikomori zwischen Bloggern und Idioten

Monday, June 20th, 2011

Gerade einen interessanten Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung gefunden: Coulmas, Florian: “Wenn sich der Wasserkocher sorgt. In Japan trifft die Lust an technischen Neuerungen auf fehlenden Sinn für Privatheit - eine Erkundung im halböffentlichen Raum”, NZZ vom 18. Juni 2011, S. 17. Coulmas, seines Zeichens Direktor des Deutschen Institutes für Japanstudien in Tokio erläutert hier unter anderem eine Tendenz, in der Japan vorne liegt und für die ich schon lange einen Begriff suche: das Hikikomori-Syndrom:

Vom Hikikomori-Syndrom des völligen Rückzugs aus der Gesellschaft sind Millionen befallen. Sie kapseln sich in der Privatsphäre ihrer Wohnung oder ihres Zimmers ab und meiden jeden direkten Kontakt. Viele von ihnen sind jedoch vierundzwanzig Stunden am Tag online, zum Teil mit Webkameras, die jede ihrer Bewegungen dem Beobachter preisgeben, der sich dafür interessiert. Es ist, als ob sie Big Brother in ihre eigene Wohnung eingeladen hätten.

Da mein Gedächtnis für komplizierte Worte nur bedingt aufnahmefähig ist und stete Wiederholung in diesem Fall hilfreich sein kann, hatte ich mir die neue terminologische Erungenschaft auf den Handrücken notiert. Da gucke ich zwar selten drauf, aber es sah aus wie ein Clubstempel und jeder wollte wissen, wo ich gestern abend gewesen bin. Hikikomori war damit als Gesprächsthema gesetzt. Interessanterweise wurde der Sachverhalt des Rückzugs in einen Biberbau mit Grzimek-Glasscheibe durchweg mit extrem negativer Konnotation diskutiert.

Ich persönlich finde es gar nicht so abwegig, nur noch online zu Kommunizieren. Warum eigentlich nicht? Der Mensch ist eine sehr anpassungsfähige Spezies, der vollkommen unterschiedliche Arten des Soziallebens entwickeln kann. Von Kaspar Hauser bis zum Hinterzimmerdiplomaten italienischer Stadtstaaten der Frührenaissance. Das ist eine unserer Stärken! Es kamen denn in meinen Gesprächen auch schnell verschiedene Kommunikations-Modelle zum Vorschein. Am bezeichnendsten finde ich die Darstellung eines Freundes, der einige Jahre in New York gelebt hat und dort den Mangel an wirklicher Freundschaft beklagte. In den USA werde nicht nur die sprichwörtliche Oberflächlichkeit gepflegt, sondern auch jeder private Kontakt sofort auf geschäftliche Möglichkeiten hin durchleuchtet und auch danach bewertet. In Portugal dagegen scheint das Konzept Freundschaft eher unserer Vorstellung von entfernten Bekannten zu gleichen. Über die wichtigen Dinge wird dort meist mit der Verwandtschaft geredet, die im mediterranen Raum aber mit all ihren Vettern und Cousinen sehr viel zahlreicher ist und auch häufigeren Kontakt pflegt.

Diese Konzepte sind anders als unsere - und völlig verschieden. Und da soll Hikikomori “krankhaft” sein? (Der Begriff “krankhaft” ist nicht aus dem Artikel entlehnt, sondern kam meinen privaten Diskussionen vor). Ist es nicht nur eine weitere, andere Art mit sozialen Kontakten umzugehen? Klar ist die “Flucht” in den virtuellen Raum oft originären Sozialschwächen geschuldet. Auch die heute so positiv belegten Nerds waren mal picklige Zeitgenossen, die nur deshalb so viel Zeit zum Erlernen von Konsolenbefehlen hatten, weil sonst keiner mit ihnen reden wollte. Heute verdienen manche von ihnen Millionen und können sich einen besseren Hautarzt leisten.

Hinter der Angst vor Hikikomori scheint oft eigentlich eine Angst durch, Freundschaften könnten durch Bots und Kontakte durch Turing-Maschinen ersetzt werden, wenn unsere Realität vollständig in die digitale Welt migrieren würde. Es ist die Angst vor dem Realitätsverlust und der Degradierung zur humanoiden Batterie in der Matrix. Die Angst, unsere leibhaftigen Überreste könnten irgendwann auch gleich der Rationalisierung zum Opfer fallen, “wenn alle das so machen”. Das gab es auch früher schon, als die Begeisterung über die ersten Roboter in Existenzangst umschlug. Robert Hector beschreibt das in seinem historischen Überblick folgendermaßen:

Freilich spielte in der Angst vor dem Automaten inzwischen die Angst vor den Maschinen mit: sie bedrohen den Menschen durch ihre potentielle Überlegenheit und zwangen ihm einen neuartigen Arbeits- und Lebensrhythmus auf. Der damit verbundene Freiheitsverlust ließ die Menschen in den Augen vieler Romantiker wiederum als Automaten erscheinen.

(Robert Hector, “Der Mythos vom künstlichen Menschen. Über Automaten, Roboter, Cyborgs und Androiden”)

Diese Vorbehalte führen immer wieder dazu, dass negativ belegte Strömungen unreflektiert mit anderen gefährlichen Tendenzen vermengt werden. Bei Coulmas liest sich das so:

Die öffentliche Sphäre des Internets wird dadurch quasi kollektiv privatisiert. Das Interesse an öffentlichen Belangen, an Politik, Staat und Gesellschaft, nimmt ständig ab, das an Facetten des persönlichen Wohlbefindens und privaten Konsums hingegen nimmt zu.

Jetzt mal halblang. Hikikomori führt sicherlich dazu, dass wir uns jede noch so banale Alltagsverrichtung von vorwiegend wenig sozialkompatiblen Nerds jetzt in HD ansehen können. Aber könnten wir bei den Normalos von Winsenluhe bis Wanne-Eickel ins Wohnzimmer gucken wie Czimek seinerzeit in den Bieberbau, dann wären die Ergebnisse vermutlich nicht viel hochkarätiger - von der Nabelschau bis zum Klatsch der Mietshaus-Concierge à la Mutter Beimer. Das Interesse am Ansehen solcher Videos evident. Vom Big-Brother-Container über das Dschungel-Camp zur Model-WG. Fernsehsender verdienen damit hierzulande Millionen.

Dann wurde es wieder spannend:

Im antiken Griechenland war der Privatmann der “idiotes”, dem es an Interesse und Urteilsvermögen für öffentliche Angelegenheiten fehlte.

Ich liebe solche Informationen. Jetzt wissen wir also, aus welchem Stoff Idioten gemacht sind. Aber wir müssen das eine Problem nur noch sauber vom anderen trennen.

Erstens bin ich mir ziemlich sicher, dass auch bei der sogenannten Elite unseres Landes ziemlich viel Banales, Selbstsüchtiges und Peinliches (also jede Menge Menschliches) herauskommen würde, wenn man ihnen in jedes Zimmer eine Webcam hängen würde. In Frankreich wurde das dank DSK gerade ausgiebig diskutiert. Hierzulande versuchen wir immer noch, Elite-Unis erst zu etablieren, um diese perfide Perfektion zu erreichen. Aber ich bin mir sicher, wir können es noch besser. Perfektion in der Umsetzung war immer unsere Stärke.

Andererseits werden gute Hikikomoris bei solchen Ausführungen nicht mitgezählt, sondern einfach aus der Waagschale geschnippst. Echte “Originale” wie Käthe B. zum Beispiel mit seinem “Überwachtes-Wohnen-Experiment” werden zwar unter Künstler gelistet, wenn gerade jemand über das Internet schwärmt. Wenn es darum geht zu belegen, dass das Neue krank macht (das haben wir schon immer gewusst), dann werden sie vornehm unter den Tisch fallen gelassen.

Und einige der Blogger der arabischen Revolution und chinesische Dissidenten “leben” ebenfalls “im Internet”. Nur ist ihr Auftritt dort eher textbasiert und wird (je nach politischem Standpunkt) meist positiv eingestuft. Auch sie werden leicht vergessen, wenn wieder die Krankheiten neuer Technologien beschworen werden.

Also, liebe Kinder: keine Angst vor den “Hikkis”. Was gestern unvorstellbar war ist heute Alltag. Handys waren zuerst auch ein Spuk aus der Zukunft. Aber auch die empörtesten Gegner von damals haben heute eins. Nur damals, da war der Gedanke einfach unerhört.