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Orkanartige Argumentationsböen

Wednesday, April 14th, 2010

Whats next? Wie die Netzwerke Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren

Vortrag von Peter Kruse auf der Re:publica 2010

Eine unsachliche Diskussion durchzieht auf einmal wieder die Republik: Was tun mit dem - nun auch nicht mehr ganz so neuen - Phänomen des Social Web? Die Art der Diskussion spiegelt sich in den Nachrichten wider:

* Fördert das Zölibat sexuellen Missbrauch?
* Gefahr aus dem Internet

Auf diesem Niveau sind keine brauchbaren Ergebnisse zu erwarten. Kruse hält dem die Auswertung seiner Befragungen von zweimal neunzig Vertretern (90 Digital Visitors und 90 Digital Residents) entgegen, “die wir am Wochenende noch schnell für die re:publica ausgewertet haben”.

Im ersten Moment erwartet man, endlich den Schlichterspruch im großen Kulturkampf zu bekommen, die Antwort auf die Frage nach dem Internet, Social Media und überhaupt. Aber wie so oft ist die Antwort weniger wichtig als die neuen Fragen, die aufgeworfen werden. Die wichtigste (und die wird von Kruse beantwortet) ist: Warum wird diese Diskussion so heftig geführt? Woher diese Schärfe?

Seine Auswertung der Wertewelten von “Heavy Usern” des Internet wird wunderbar anschaulich, denn die vielen kurzen Fragen der Interviews werden in Form von “semantischen Räumen” dargestellt. Diese zeigen klare Cluster für jede der beiden Gruppen. Das heißt, der Chor der “Experten” zerfällt ganz klar in zwei Stimmen. Den Residents sind verlässliche Beziehungen und Informationen wichtig, Bevormundungen können sie nicht ausstehen. Die Referenzgruppe der Visitors setzt dagegen vor allem auf Stabilität. Beide sind sich einig, dass im Social Web die Zukunft liegt. Sie bewerten diese Tatsache aber vollkommen unterschiedlich: “Digital Visitors wissen, dass das Internet wichtig ist, mögen es aber überhaupt nicht.” Sie nutzen und unterstützen das Netz, weil sie es für die Zukunft halten. Aber ihre intuitiven Präferenzmuster spiegeln die Offlinewelt.

Wenn sich zwei Gruppen in der Bewertung der Tatsachen so ähnlich sind und gleichzeitig in ihren Gefühlen gegenüber der Entwicklung so unterscheiden, kann es nur zum Krach kommen. “Hier geht es doch gar nicht um eine rationale Diskussion” folgert Kruse. Vielleicht sollten die Experten erst einmal ihre Wertewelten offenlegen und ausdiskutieren, denn hier liege die eigentliche Differenz. Ohne diese Klärung können die Fakten nicht zur allgemeinen Zuftriedenheit sortiert werden.

Der ganze Vortrag findet in einer orkanartigen Geschwindigkeit statt, was Kruse aber nicht daran hindert, auch seine Methodik zu erläutern, mit der er dem Oberflächenkratzen der Talker zu Leibe rücken will. Bei den Befragungen werden in sehr schneller Folge Begriffspaare abgefragt und vom Probanden bewertet. Daraus werden Matritzen mit Zusammenhängen erstellt, die über Fragen wie “Was mir tatsächlich wichtig ist” im Wertesystem verortet werden. Mit seiner Software nextexpertiser werden daraus räumliche Muster aus gelben Kugeln und grünen Kreuzen erstellt, die dem Betrachter die Chance geben, den Datenwust intuitiv zu erfassen. Da es sich nicht um einen einzelnen Probanden handelt, werden die Ergebnisse zu jedem Begriff “räumlich zusammen gezogen” und es ensteht eine Art Durchschnitts-Wertesystem einer Gruppe.

In Anlehnung an das menschliche Gehirn könne man diese Gruppen-Wertewolke als das limibsche System bezeichnen, mit dem die Gruppe ihre Entscheidungen trifft. Meines Wissens konsultiert das limbische System zwar (soweit überhaupt bisher bekannt) auch ein paar Großhirnareale bei der Entscheidungsfindung - sonst hätte sich die Evolution den Blumenkohl auch sparen können und jede Generation würde aufgrund der festverdrahteten Windungen bei gleicher Datenlage die gleichen Entscheidungen treffen - aber diese Vereinfachung sei ihm verziehen.

Um noch kurz auf den Titel des Vortrags einzugehen: Nach dem Zugangsboom und einem Beteiligungsboom ist jetzt die dritte Stufe erreicht: “nachhaltige Empörung”. Denn nach “drin sein” (Boris) und “mitmachen” (Alice?) kommt jetzt “sich zu machtvollen Bewegungen zusammen zu schließen” - und das ist ein Angriff auf die etablierten Machtmonopole. Diese Veränderungen durch das Internet sind ‘’systembedingt”, auch Abschalten hilft jetzt nicht mehr.

Interessant wäre es noch zu wissen, wie die Stichprobe zustande gekommen ist. Denn die Ergebnisse klingen ein wenig nach den Stereotypen der Begriffe Digital Visitors und Digital Residents und da liegt der Verdacht nahe, dass man eine Wellenantwort bekommt, weil man eine Wellenfrage gestellt hat.

Für die Kürze der Zeit war die Analyse jedoch glasklar, dreidimensional anschaulich und im Vergleich zur Talkshow-Fraktion definitiv eine Bereicherung der Diskussion. Sie mag methodisch hinterfragbar sein, wird aber vorwiegend in der Großhirnrinde verarbeitet - und nicht nur im limbischen System der großen Gefühle.